Deutsche Gebärpolitik: Quantität statt Qualität

Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org

Drei Faktoren machen den demografischen Wandel (nicht nur) in Deutschland aus: ein Geburtenrückgang, längeres Leben und Migration. Seit 1972 werden in Deutschland weniger Kinder geboren als Alte sterben. Die Geburtenhäufigkeit liegt unter der magischen Zahl von 2.1 Kindern pro Frau, was die Reproduktion der Gesellschaft angeblich in Frage stellt. Außerdem wird Deutschland immer älter, denn eine längere Lebenserwartung und eine zurückgehende Geburtenhäufigkeit verschieben die Gewichte zu gunsten Älterer.

Dies ist eine Darstellung der Fakten, ohne Ideologie. Eine ideologische Darstellung findet sich in den Unterrichtsmaterialien, an denen z.B. der Unterricht in Baden-Württemberg ausgerichtet werden soll. Dort heißt es: “Einigkeit herrscht darüber, dass Familienpolitik besonders wichtig ist. Es müssen Bedingungen geschaffen werden, dass Frauen wieder mehr Kinder gebären wollen”. (4) Und etwas weiter: “Fatal wäre es wenn die Bevölkerungsschrumpfung in Deutschland als Kompensation zum Wachstum in den armen Ländern als positiv betrachtet würde. Denn die in den letzten drei Jahrzehnten nicht geborenen Kinder fehlen bei uns als potenzielle Eltern … Die Frage nach der Zuverlässigkeit unserer sozialen Sicherungssysteme wird für viele Menschen beängstigend, denn der Generationenvertrag droht nicht mehr zu funktionieren.” (7-8).

So richtig weiß man gar nicht, worüber man sich mehr aufregen soll, über die plumpe Art der Indoktrination oder über den Ethnozentrismus, der aus den Materialien atmet: “bei uns” fehlen Kinder, während andere sie haben. Und sie fehlen, nicht etwa aus den so gerne vorgeschobenen Gründen wie Freude an Kindern, Kinderliebe und dergleichen, nein, sie fehlen wegen der Rentenversicherung, die bekanntlich in Stein gemeiselt ist und nicht geändert werden darf. Auch die Einigkeit darüber, dass Familienpolitik besonders wichtig ist, herrscht wohl nur bei den Autoren der entsprechenden Unterrichtsmaterialien, wobei es schon interessant ist, dass Familienpolitik ausschließlich “gebären” umfasst, wie aus der zitierten Stelle deutlich wird.

Einer, der den angeblichen Konsens über die Wichtigkeit der Familienpolitik nicht teil, ist Karl Otto Hondrich, der ein wohltuendes Buch geschrieben hat, das den Titel trägt: “Weniger sind mehr”. In diesem Buch unternimmt Hondrich den Versuch, der Hysterie von u.a. Politiker, die die kinderlose Gesellschaft visionieren, Deutschland vergreisen und schrumpfen sehen, eine rationale Betrachtung der Realität gegenüberzustellen. In Deutschland, so Hondrich, herrsche eine neue Art Grundkonsens, nachdem es zu wenige Kinder gebe und die Politik etwas dagegen tun müsse. Dieser Grundkonsens baue sich um eine Reihe von Schreckensvisionen z.B. vom aussterbenden Deutschland, denn “viel durchdringender ist ein Konsens, wenn er sich nicht auf absichtsvoll beschworene gemeinsame Aufgaben und Werte beruft, sondern auf gemeinsame Gefahren und Feinde” (Hondrich, 2007, S.11). Von hier aus entideologisiert Hondrich einen Diskurs, in dem das Ende Deutschlands regelmäßig beschworen wird.

Dass die Anzahl der Geburten zurückgehe, sei ein normaler Anpassungsprozeß an eine sich wandelnde Umgebung. Und in der Tat, geht wirtschaftlicher Wohlstand immer mit sinkenden Kinderzahlen einher. Dass Menschen immer älter würden, so Hondrich, sei eigentlich zu begrüßen nicht zu beklagen. Und den weitverbreiteten Mythos, dessen Kern darin besteht, dass die Rente in Gefahr sei, weil zu wenige Kinder in Deutschland geboren werden, vernichtet Hondrich mit erstaunlicher Leichtigkeit: “Es sind nicht die Jungen, die die Alten versorgen; es sind die Leistungsträger der mittleren Jahre. Sie haben, sofern mehr Kinder geboren würden, zusätzlich zu den Alten und Arbeitslosen auch mehr Junge zu finanzierung und auszubilden” (Hondrich, 2007, S.31-32). Dieser Satz beschreibt das ganze Elend einer “besonders wichtigen Familienpolitik”, deren einziges Mittel darin besteht, immer mehr und immer höhere finanzielle Anreize und Entlastungen für Familien bzw. deren Gründung zu schaffen. Da derartige finanzielle Geschenke finanziert werden müssen, ist es eine Frage der Zeit, bis die zu finanzierenden Leistungen die Finanzkraft derer, die sie finanzieren müssen, übersteigen. Die Bundesregierung sollte daher froh sein, dass nicht mehr Kinder in Deutschland geboren werden, denn mehr Kinder kann sie gar nicht finanzieren (Diese Feststellung verdanke ich Dr. Heike Diefenbach, die den beschriebenen Zusammenhang bereits vor Jahren beobachtet hat).

Und dass weniger schon deshalb mehr sind, wie Hondrich schreibt, weil man sich dann den Wenigen besser widmen kann als man es mit vielen könnte, man sie z.B. mit mehr, besserer und umfassenderer Bildung versehen kann, scheint (manchen, vielen, allen [Unzutreffendes bitte streichen]) deutschen Politikern nicht vermittelbar.

Literatur

Ähnliche Beiträge

  • Lord Byron: Lebewohl

    Dass die Leiden geschiedener Väter auch in der Vergangenheit nicht unbekannt waren, daran möge in der Woche der Frankfurter Buchmesse das folgende erschütternde Gedicht des englischen Romantikers George Gordon Noel, 6th Baron Byron, kurz Lord Byron genannt, in der Übersetzung von Heinrich Heine, erinnern. Er sandte es 1816 seiner Frau Annabella Milbanke, die nach kurzer Ehe mit der gemeinsamen kleinen Tochter zu ihren Eltern geflohen…

  • Offener Brief an Cordt Schnibben, DER SPIEGEL

    Einige meiner Leser haben die Bitte des SPIEGEL-Redakteurs Cordt Schnibben, ihnen über ihre Erfahrungen mit dem Niedergang des deutschen Journalismus zu schreiben, nicht nur erfüllt, sondern auch mich ins CC gesetzt. Einen dieser Briefe veröffentliche ich nach Rücksprache mit dem Verfasser gerne hier als Offenen Brief an den SPIEGEL. Dass immer mehr Journalisten zu Ideologen werden und ihnen dabei selbst elementare ethische Grundsätze verloren gehen,…

  • Die Servicementalität in der Sterbehilfe

    In einer demoralisierten Gesellschaft wird der Ruf nach Legalisierung der Sterbehilfe immer lauter – da ist ein Haken dabei. Viele Menschen sind plötzlich mit einer furchtbaren Gewissheit konfrontiert: Sie werden mitten im Leben von einer sicher tödlichen Erkrankung befallen oder sehen am Ende ihres Lebens einem sicheren Siechtum entgegen. Die eben noch gesunden, zum Sterben eigentlich noch zu jungen Menschen durchlaufen die psychologisch bekannten Stadien…

  • Freud, Epiktet und die Meinungsfreiheit

    Meinungsfreiheit ist ein kostbares Gut. Sollte man ihr Grenzen setzen? Oder lassen sich Argumente für uneingeschränkte Meinungsfreiheit finden? Zur Meinungsfreiheit gehören zwei Seiten: derjenige, der eine Meinung äußert, der Adressant, und derjenige, der eine Meinung empfängt, der Adressat. Wenden wir uns zunächst dem Adressanten zu. Die Psychoanalyse fordert, dass ein Patient über alles frei, offen und somit tabulos sprechen soll. Nur so kann er seine…

  • Individualismus der Aufklärung versus postmoderner Anti-Individualismus

    Die Ideale und Errungenschaften der Aufklärung prägten positiv die westliche Gesellschaft. Auch der moderne Individualismus ist ein Kind der europäischen Aufklärung. Er bestimmte nicht nur das Selbstverständnis des modernen Menschen, sondern legte auch Weichen für das rechtliche und politische System. Doch seit geraumer Zeit werden die Ideale der Aufklärung aufgehoben und ihre Errungenschaften rückgängig gemacht. Das gilt auch für den Individualismus. Im ersten Schritt werde…

  • Aufklärung, linke Religionskritik und der Islam

      Die europäische Aufklärung des 18. Jahrhunderts ist in weiten Teilen religionskritisch. Viele ihrer Repräsentanten sind Atheisten und Gegner der Religion. Die Religionskritik der Aufklärung bildet eine Grundlage für die linke Religionskritik, die vor allem von Karl Marx formuliert wird. Marx zufolge ist die Religionskritik eine Voraussetzung aller Kritik. Die Religion als „verkehrtes Weltbewusstsein“ ist ein wesentlicher Ausdruck der „verkehrten Welt“ des Menschen. Religionskritik bedeutet…