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Debatte in Schweden: Ist man mit der Gleichberechtigung der Geschlechter zu weit gegangen?

An schwedischen Schulen wird zunehmend eine geschlechtsneutrale Politik vorangetrieben. Unter anderem gehört hierzu die Verwendung einer geschlechtsneutralen Bezeichnung – „hen“ (es) statt „han“ und „hon“ (er und sie). Nun schlagen einige Schweden zurück.

Schweden trägt den langanhaltenden Ruf, ein egalitäres Land mit nur geringen Unterschieden zwischen den Geschlechtern zu sein. Doch eine nationale Debatte über Gleichberechtigung – insbesondere jene, wie sie sich in den Schulen abspielt – hat eine beträchtliche Unzufriedenheit einiger Schweden offenbart, deren Meinung nach man zu weit gegangen sei.

Das Thema der geschlechtssensiblen Pädagogik – oder auch Genderpädagogik – hat nun eine Kontroverse hervorgerufen. Dabei geht es um ein Konzept, welches in den frühen 2000er Jahren aufkam und typischerweise die Auflösung von geschlechtsspezifischen Stereotypen in Lehrmaterialien beinhaltet. Darüber hinaus soll es vermieden werden, männliche und weibliche Schüler in stereotyper Weise zu behandeln. Befürworter glauben, dass eine solche Perspektive die alltägliche Arbeit an den Schulen beeinflussen und nicht nur als separates Fach gelehrt werden sollte. Doch verschärft wurde die Debatte in Schweden durch die Forderung, dass die Schulen selbst ebenso geschlechtsneutral sein sollten, um den Kindern die Möglichkeit zu bieten, sich selbst weder als männlich noch als weiblich zu definieren, falls sie dies wollen.

Im Jahr 2008 ernannte das Schwedische Bildungsministerium eine Delegation zum Themenschwerpunkt Gleichberechtigung, welche die Gleichberechtigung der Geschlechter zu einem zentralen Thema im schwedischen Bildungssystem machte. Die Regierung gab 110 Millionen Schwedische Kronen (etwa 12,4 Millionen Euro) aus, um das Thema an den Schulen voranzutreiben. Dies geschah entlang der Leitlinien von Schulgesetzen, welche von Lehrern verlangen, Geschlechterstereotypen aktiv entgegenzuwirken und die Gleichberechtigung der Geschlechter voranzutreiben.

Doch als die Grünen kürzlich einbrachten, man solle Gender-Pädagogen an jeder Vorschule in Stockholm – der Hauptstadt – einstellen, wurden sie beschuldigt, eine extremistisch feministische Agenda zu betreiben. Man warf ihnen vor, hierbei nicht die Interessen der Eltern zu vertreten. Und als sich herausstellte, dass einige Vorschulen geschlechtsspezifische Bezeichnungen aus dem Vokabular verbannt hatten, entfachte sich ein nationaler Aufruhr. Dabei wurde ersichtlich, dass, während die meisten Schweden die Gleichberechtigung der Geschlechter befürworten, nicht alle mit der Idee der geschlechtsneutralen Kindererziehung einverstanden sind.

Sind Gender Studies ein elitäres Konzept?

Kristina Henkel, eine Gender-Expertin, die sich auf Gleichberechtigung an Schulen spezialisiert hat, bestreitet die Behauptung, dass Gender-Pädagogik und Geschlechterneutralität den Schweden aufgezwungen würden. „Schweden hat eine lange Tradition in Bezug auf Gleichberechtigung, und hatte stets starke Unterstützung unter Politikern“, sagt sie und fügt hinzu, dass „die Frage der Geschlechtsneutralität, oder die Frage gleicher Rechte in Hinblick auf das Geschlecht ebenso von Graswurzel-Aktivisten befördert wurde“.

Elise Claeson jedoch, Kolumnistin und ehemalige Gleichberechtigungs-Expertin des Schwedischen Berufsverbandes (Swedish Confederation of Professions), widerspricht. „Ich habe lange an Debatten mit Gender-Pädagogen teilgenommen und sie benehmen sich wie eine Elite“, sagt sie. „Sie sind für gewöhnlich gut ausgebildet, leben in großen Städten und verfügen über Kontakte zu den Medien, und sie verachten eindeutig traditionelle Leute, sprich … Heterosexuelle, die in Kernfamilien leben“.

Cleason war stets eine lautstarke Kritikerin des Wortes „hen“, einem neuen, geschlechtsneutralen Pronomen, welches vor Kurzem in die Online-Version der National-Enzyklopädie aufgenommen wurde. Um die selbe Zeit wurde Schwedens erstes geschlechtsneutrales Buch veröffentlicht. Der Autor, Jesper Lundqvist, benutzt das Wort „hen“ durch sein ganzes Buch hindurch und vermeidet vollständig die Worte „han“ und „hon“, die schwedischen Worte für „er“ und „sie“.

Cleason hält das das Wort „hen“ schädlich für junge Kinder, da – wie sie sagt – es verwirrend für sie sein könne, wenn man ihnen gegenläufige Botschaften hinsichtlich ihres Geschlechts in der Schule, zu Hause und in der Gesellschaft als Ganzes vermittle. „Für Kinder ist es wichtig, dass sie in ihrem Geschlecht bestätigt werden. Das schränkt Kinder nicht ein. Es macht sie mit ihrer Identität vertraut … Es sollte Kindern erlaubt sein, langsam und natürlich aufzuwachsen. Als Erwachsene können wir uns dafür entscheiden, unsere geschlechtlichen Identitäten zu erweitern und zu verändern“.

Dennoch glauben viele derer, die sich für Geschlechtsneutralität einsetzen, dass es gerade die Befreiung der Kinder von Geschlechterrollen und daran geknüpfte Erwartungen sei, die ihnen mehr Wahlmöglichkeiten gebe. „Kinder sollten Kinder sein dürfen, aber wir sollten sie nicht in Rollen einzementieren, die wir aus der Vergangenheit mit uns tragen.“ sagt Lotta Rajalin, Direktorin von „Egalia“, einer Stockholmer Vorschule, die 2010 eröffnet wurde.

Egalia erhielt weite Aufmerksamkeit für die Verbannung geschlechtsbezogener Bezeichnungen wie auch für die Bewerbung um eine LGBT-Zertifizierung durch den Schwedischen Verband für die Rechte von Schwulen, Lesben, Bi- und Transsexuellen (Swedish Federation for LGBT Rights). Bei Egalia wurde alles – von den Büchern bis hin zu den Spielzeugen – sorgfältig ausgewählt, um stereotype Darstellungen von Geschlecht und Beziehungen zu vermeiden. Wenn Egalias Schüler, die zwischen einem und sechs Jahre alt sind, Vater-Mutter-Kind spielen, dann spielen sie die Rollen „Mama, Papa, Kind“ ebenso wie „Papa, Papa, adoptiertes Kind“. Eine wichtige Regel an der Schule ist das Vermeiden von Wörtern wie „Junge“ und „Mädchen“. Statt dessen sprechen die Lehrer die Kinder mit ihren Vornamen oder als Freunde an.

Egalia wurde einerseits als Meilenstein im Kampf für Gleichberechtigung bejubelt, andererseits wurde es als kultähnliche Institution niedergemacht, welche Gehirnwäsche an Kindern verübe und eine radikalfeministische Agenda verbreite.

Die Gesellschaft holt den Staat ein

Auch wenn es sich ausgefallen anhören mag, Egalias Ansatz ist nicht wirklich eine Randerscheinung. Frau Rajalin, die auch Direktorin von sechs Vorschulen ist, sagt, dass sie lediglich Anweisungen folge, welche von der Regierung vorgegeben seien. Das schwedische, nationale Curriculum für Vorschulen, das 1998 veröffentlicht wurde, besagt: „Vorschulen sollten traditionellen, geschlechtsspezifischen Mustern und Rollen entgegenwirken. In Vorschulen sollten Mädchen und Jungen die selben Möglichkeiten erhalten, um ihre Fähigkeiten und Interessen zu erproben und zu entwickeln und zwar ohne dabei durch stereotype Geschlechterrollen eingeschränkt zu werden.“

Ingrid Lindskog von der nationalen Bildungsbehörde sagt, dass das Bemühen um Gleichberechtigung integraler Bestandteil der Schulausbildung sein müsse. „Themen zur Gleichberechtigung sollten in die Unterrichtsstunden einfließen. Es bedarf Informationen darüber, wie Lehrer ihre Klassen planen, Gruppen zusammenstellen und wie sie auf Schüler reagieren, die einander schlecht behandeln – falls ein Junge ein Mädchen unterdrückt oder umgekehrt.“ sagt sie. Und es sind nicht nur Vorschulen, die dazu verpflichtet sind, Geschlechtersensibilität in ihre Pädagogik zu integrieren. „Alle schwedischen Schulen haben die Verantwortung, traditionellen, geschlechtsspezifischen Mustern entgegenzuwirken.“ sagt Frau Lindskog.

Vergangenen Herbst versammelten sich rund 200 Lehrer in Stockholm, um darüber zu diskutieren, wie „traditionelle, geschlechtsspezifische Muster“ in Schulen verhindert werden können. Die Konferenz war Teil eines Forschungsprojekts, welches von der nationalen Bildungsbehörde geführt und von der Delegation für Gleichberechtigung in Schulen unterstützt wurde. Dieser Ansatz wird nun auch im Ausland emuliert.

„Ich arbeite mit diesen Themen in Finland und Norwegen und für mich ist klar, dass sie von den schwedischen Vorschulen – und Schul-Curricula – inspiriert wurden.“ Sagt Frau Henkel, die Gender-Expertin. „In den Vereinigten Staaten wird seit 1980 etwas praktiziert, was sich anti-repressive Pädagogik nennt. Diese zielt darauf ab, dass niemand ausgeschlossen wird. Somit existieren diese Ideen in vielen Ländern, aber hierzulande hat der Staat hart daran gearbeitet, Schweden zu einer Vorbildnation zu machen“.

Jedoch besteht Henkel auch darauf, dass die Gleichberechtigung der Geschlechter ein Anliegen sei, das nicht einfach dem Staat überlassen werden könne. Statt dessen, so sagt sie, müssten die Bürger hierbei aktiv einbezogen werden. „Rechte sind nicht etwas, das wir erhalten, ohne dafür kämpfen zu müssen. Hier geht es um eine Umverteilung von Macht und hierfür sind Initiative und Handeln gefragt und nicht nur eine wohlmeinende Gesetzgebung“

Dieser Artikel erschien zuerst in „The Christian Science Monitor“ (Übersetzung: Kevin Fuchs).

* * *

Nathalie Rothschild wurde in Stockholm, Schweden geboren. Sie hat unter anderem in „The Times“, „The Guardian“, „The Daily Telegraph“, und „The Independent“ in Großbritannien; „Slate“, „Vice“ und „Jewcy“ in den USA; „Ynet“ in Israel, der „Hindustan Times“ in Indien und „The Australian“ in Australien publiziert. In Schweden erschienen ihre Veröffentlichungen in der Tageszeitung „Sydsvenskan“, dem „Expressen“, den Monatsschriften „Neo“, „Ordfront“ und „Voltaire“, sowie der Meinungsseite „Newsmill“.

Natalie Rothschild war bei mehreren Radio- und Fernseprogrammen zu Gast und engagierte sich in öffentlichen Debatten zum Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung, den Nahostkonflikt und schwedische Politik. Sie erreichen sie über ihre Homepage: www.nathalierothschild.com

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