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Sich an die gepuderte Nase fassen

Tracy McMillan rät Frauen dringend, dem Ego-Wellnessfeminismus abzuschwören 

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Man kann sich kaum entscheiden, was man sensationeller finden soll: Dass die US-amerikanische TV-Autorin Tracy McMillan, 48, drei Mal verheiratet und geschieden, Mutter eines Sohnes, einen Frauen-Ratgeber herausbringt, in welchem doch tatsächlich den Frauen gesagt wird, sie seien ganz allein schuld, wenn sie noch nicht verheiratet sind (obwohl sie es längst sein wollen).

Oder: Dass auf der deutschen Erstausgabe des Buches von September 2012, Titel: Ausgezickt! So bleibt er für immer: Schluss mit den 10 Kardinalfehlern moderner Frauen. Ein Aufkleber prangt mit dem Text: „Empfohlen von ElitePartner.de“.

Ausgezickt-McMillan-554673987869Doch zunächst zum Letztgenannten. Ein führendes Internet-Partnervermittlungsinstitut für den gehobenen Anspruch empfiehlt also der einen Hälfte seiner Klientel, und zwar der weiblichen, die Lektüre eines Buches, in dem den Frauen auf denkbar unbequeme Weise der Spiegel vorgehalten wird – unter völligem Verzicht darauf, diese Zumutung, etwa mit einer Gegenliste von Männer-Fehlern, auch bloß leichter verdaulich zu machen. Kann, muss das nicht so interpretiert werden, dass hier quasi durch die Hintertür das Scheitern des Feminismus eingeräumt wird? Immerhin beschwört das beworbene Buch die Frauen, radikal aus jener einseitig fordernden Haltung gegenüber Männern auszusteigen, die der Feminismus so nachhaltig befördert hat, und die sich mitnichten auf das Feld „Partnerschaft“ beschränkt, sondern sich dort nur besonders dramatisch auswirkt.

Mit seiner Werbemaßnahme jedenfalls lässt der Partnervermittler eine Vernunft walten, die der öffentlich-politischen Mann-Frau-Debatte schon lange abgeht, weil diese feministisch vorgestanzt, ergo zu gesamtgesellschaftlicher Minderverträglichkeit verurteilt ist. Weshalb sie auch so ergebnisunerfreulich ist – letztlich für beide Lager, denn sie macht Männer wie Frauen immer einsamer. Und muss es nicht schwer zu denken geben, dass das Institut, ganz wie im richtigen Leben und zweifellos ökonomisch motiviert, auf trockenen Pragmatismus setzt statt auf luftige Theoriegebäude, wobei es offenkundig davon überzeugt ist, dass auch seinen Klientinnen nur (noch) mit Pragmatismus zu helfen ist?

Allerdings bringt wahrer Pragmatismus Selbst- und Fremdverantwortung, „Egoismus“ und „Altruismus“ nicht in künstliche Opposition zueinander, sondern integriert sie auf höherer, vielleicht sogar höchstmöglicher Ebene. Und damit zum Buch von Tracy McMillan, oder zunächst noch zum werbesatten Untertitel (nur) der deutschen Ausgabe: „So bleibt er für immer“. Ja, auch hierzu sagt McMillan etwas, aber sie sagt noch etwas anderes, eigentlich das Entgegengesetzte. Im Jahr 2011 hat McMillan Memoiren veröffentlicht, Titel in deutscher Übersetzung: Ich liebe dich – und verlasse dich trotzdem. Das damit benannte Rätsel-Phänomen spielt auch in Ausgezickt! eine bedeutende Rolle, und es tauchte gerade jüngst wieder in den Klatschspalten auf: „[Das britische Supermodel] Kate Moss gestand, dass Johnny Depp der Einzige war, von dem sie sich umsorgt gefühlt habe. ‚Johnny tat es … das vermisse ich, seit ich ihn verlassen habe … Albtraum. Jahre und Jahre des Weinens. Oh, die Tränen!‘ Moss war von 1994 bis 1998 mit Depp liiert.“

Von hier lässt sich gut zu einer zentralen Aussage von Ausgezickt! überleiten. Tracy McMillan macht geltend, es habe für eine erwachsene Frau nicht darum zu gehen, was sie „will“, sondern darum, was sie braucht. Erst recht, wenn sie sich einen Lebenspartner wünscht – und will, dass sowohl er bei ihr bleibt als eben auch umgekehrt. Eine andere Kernaussage: „Die meisten Männer wollen einfach eine Beziehung zu einer Frau, die nett zu ihnen ist.“ Statt: chronisch wütend – zum Beispiel „auf Männer, die so etwas überhaupt wollen“. Ratschlag: „Sie werden lernen müssen, nett zu sein.“ McMillan bedient also lupenrein das original US-amerikanische Selbsthilfe- und Selbstverbesserungs-Genre, für das ihr Buch allerdings ein virtuoses, daher vergnüglich zu lesendes Beispiel darstellt. Kommt hinzu: Was sie rät, könnte klappen.

Jedes der zehn Kapitel folgt streng der Systematik: „Problem“ (zum Beispiel: „Sie sind eine gehässige Zicke“, „Sie sind egoistisch“, „Sie sind oberflächlich“, „Sie sind ein Flittchen“), „Worum es wirklich geht“ (Vertiefungs-Teil), „Aus meinem Leben als Ehefrau“ (auto-empirischer Teil), „Warum xy keinen Mann hat“ (fremd-empirischer Teil), „Was Sie über Männer wissen sollten“ (die verborgene Seite der Medaille, hier ans Licht gebracht), „Was Sie ändern müssen“ (Ratgeber-Sanctissimum), und natürlich „Spirituelle Übungen, die Ihnen helfen, sich zu verändern“. Alles reichhaltig untermischt mit nützlichen Gimmicks in Kästen.

Perfekt, wie der Amerikaner sagt. Doch die größten Qualitäten des Buchs – man kann von einem Alleinstellungsmerkmal sprechen – liegen woanders, zu finden in einzelnen Passagen (und es gibt viele davon) wie dieser: „Wenn ich behaupte, dass Sie eine Zicke sind, meine ich damit, dass Sie wütend sind. Wahrscheinlich glauben Sie das nicht, sondern halten sich für besonders klug, oder (wenn Sie viele Therapiesitzungen hinter sich haben) für jemanden, der anderen Menschen Grenzen setzt.“ Wuchtiger, weil beiläufiger kann man falsche Überzeugungen nicht attackieren, und die eingebaute Kritik an psychotherapeutischen Zeitgeist-Verwerfungen ist ein Volltreffer. Das Ganze in zwei Sätzen. Die Keule hat McMillan auch im Gepäck: „Die Vorstellung, dass Freundlichkeit bei Frauen eine sehr wichtige Eigenschaft ist, wirkt auf viele Menschen repressiv. Als ob eine Frau einen Teil von sich abspalten oder unterdrücken müsste, um – besonders zu ihrem Mann – freundlich sein zu können. Ich halte das für kompletten Unsinn.“

Wenn hier also einmal – wie von „ElitePartner.de“glasklar erkannt – das Projekt „Selbstverbesserung“ tatsächlich erfolgversprechend scheint, dann deshalb, weil McMillan ehrlich ist zu sich selbst, Zusammenhänge ernst nimmt und tief genug lotet, um nicht die Flucht in ideologisch vorentschiedene Kampfrhetorik antreten zu müssen. Genauer: zu können, denn auf solcher Grundlage lassen sich keine kurzatmigen Manipulations-„Tipps“ stricken à la „Es ist absolut erlaubt, wenn Sie im passenden Augenblick mit einer erfundenen Schwäche kokettieren, um einen attraktiven Mann zu beeindrucken oder aus dem Konzept zu bringen“ (aus: Cornelia Dittmar, Ich bin ein Miststück, 1999). Und wollen tut Tracy McMillan solches schon gar nicht. Aber bekanntlich zieht nicht jede Frau aus drei geschiedenen Ehen diese Konsequenz; dazu gehört vor allem geistige Unabhängigkeit. Was eine Voraussetzung für echte Lernfähigkeit ist.

Deshalb ist sogar vorstellbar, dass McMillan eines Tages ihren derzeit strikt monogamistischen Ansatz ausweitet und Alternativen miteinbezieht, wie sie zum Beispiel Holger Lendt und Lisa Fischbach in ihrem Buch Treue ist auch keine Lösung (2011) beschreiben. (Dort erfährt man übrigens im Klappentext, dass die Autoren beratend für „ElitePartner.de“ tätig sind. Wenn das nichts zu bedeuten hat.) Einstweilen aber dürfte für Frauen Tracy McMillans Ratgeber das Vademecum der besten Wahl sein. Und die Männer? Müssen sie warten, bis Ausgezickt! wirkt?

Till Schneider, geboren 1960, ist Pianist, Schriftsteller und freier Journalist. Er lebt in Eppelheim bei Heidelberg.

 

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