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Peter Brandt über Willy Brandt

Im Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Nähe, Zeitzeugen und historischer Forschung

Peter Brandt, Historiker, Leiter des Lehrgebiets Neuere Deutsche und Europäische Geschichte und Direktor des Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften der Fernuniversität Hagen, ältester Sohn Willy Brandts, beschreibt und bewertet Person und Lebenswerk seines Vaters, indem er die einzelnen Stationen nicht chronologisch nachzeichnet, sondern in zehn Kapiteln systematisch zusammenfasst.

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 So gelingt ihm eine übersichtliche, sehr gut lesbare, nicht in Details ausufernde Gesamtwürdigung, die zeigt, wie diese außergewöhnliche Persönlichkeit mit mutiger, lange angefeindeter Politik starke Fundamente für die friedliche Neuordnung Deutschlands und Europas sowie für die Nord-Süd-Beziehungen zur sogenannten Dritten Welt schaffen konnte.

Dabei räumt Peter Brandt mit vielen Vorurteilen über Willy Brandt auf, die, penetrant wiederholt, zu Klischees festgetreten werden konnten, auch mit der Legende des schlechten Familienvaters. Peter Brandt: „Wir waren eine „recht normale Familie““ (S. 7).

Das Buch beginnt mit dem Kapitel „Krankheit und Tod“. Mit dieser umgedrehten Abfolge einer Biographie positioniert sich Peter Brandt – im Spannungsverhältnis zwischen historischer Forschung und persönlicher Beziehung – gleich zu Beginn „als Fachhistoriker“, immer bemüht, „einen professionell-distanzierten Blick gerade auf die Personen einzunehmen, die mir nahe sind“ (S. 7).

Die wissenschaftliche Perspektive hält er konsequent durch, auch wenn seine Forschungsergebnisse im Widerspruch zu Urteilen von Zeitzeugen und selbst seines Vaters stehen. Denn deren Zeugnis garantiert dem Historiker keinen privilegierten Quellenwert, deren Erinnerungen müssen ebenso kritisch gewichtet werden wie jede historische Quelle sonst. Aktuell wird an diesen Grundsatz anlässlich des 85. Geburtstags des renommierten Althistorikers Christian Meier erinnert, der 1968 in seiner Antrittsvorlesung unter dem Titel „Die Wissenschaft des Historikers und die Verantwortung des Zeitgenossen“ mahnte: „Kein Historiker kann also auf geradem Wege und ohne zu versagen seiner Zeitgenossenschaft entkommen. Er ist immer und zumal heute auf vielfältigste Weise seiner Gegenwart anheimgegeben. Er hat nur die Wahl, ob er sich dessen bewusst sein will oder nicht“.

Diese Erkenntnis bleibt auch bei laufenden Erfassungen von Zeitzeugen-Aussagen nicht unbeachtet. Für die Berliner ZeitZeugenBörse zitiert Gert Keil, Philosoph und selbst Zeitzeuge, den Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung Jan Philipp Reemtsma: „Zeitzeugen sind der natürliche Feind des Historikers“, und ergänzt: „Zeitzeugen wollen berühren. Beim Historiker tritt die Person zurück, beim Zeitzeugen ist sie die Bürgschaft“ (ZeitZeugenBrief, Berlin, Januar 2014).

Der Historiker Peter Brandt ist sich dessen bewusst. So widerspricht er entschieden dem von Willy Brandt selbst, von Egon Bahr und weiteren Zeitzeugen bis heute gezeichneten negativen Bild von Herbert Wehner:

Frage: Als Willy Brandt 1974 zurücktrat, gab er Wehner die Schuld: Er hätte ihn verraten.
Peter Brandt: So sah er das. Das Verhältnis war zerstört. Er glaubte, Wehner hätte ihn systematisch und auch noch im Zusammenwirken mit Ost-Berlin quasi gestürzt. Das ist aber weder beweisbar noch plausibel. Mein Vater hat heute gewissermaßen eine Lobby, Wehner kaum. Er ist fast zu einer Unperson geworden. Das hat nichts mit historischer Gerechtigkeit zu tun. (Interview mit der TAZ, taz.de, 20.10.2013)

Zu Willy Brandts hartem Durchgreifen in der Berliner SPD fällt Peter Brandt als Vergleich ein: „ähnlich strenges Regiment wie Wehner“ (S. 99).

Sogar autobiografische Aussagen seines Vaters korrigiert er, z.B. dessen „Entschluss zur Flucht“ gleich zu Beginn der Nazi-Diktatur 1933 ins Exil. Willy Brandt begründet diesen seine Persönlichkeit prägenden Schritt ausführlich in seinen Erinnerungen Links und frei, Mein Weg 1930-1950: „Eine sittliche Pflicht, im Dritten Reich zu bleiben und es dem Zufall zu überlassen, ob man schon früh in einem Keller erschlagen oder erst später in einem hassenswerten Krieg verheizt würde, konnte es nicht geben.“ Ausdrücklich setzt sich Willy Brandt mit dem „Bonner Zeitgeschichtler Hans Georg Lehmann“ auseinander, der meinte, „eine auf mich bezogene ‚Fluchtlegende‘ wiederlegen zu sollen“ (S. 71).

Peter Brandt dagegen stellt sich auf die Seite seines Zunftkollegen: „Klar ist aber, dass er nicht aus freien Stücken nach Norwegen fuhr, sondern dorthin geschickt wurde, um einen Stützpunkt der SAP aufzubauen“ (S. 65).Brandtbuch-Cover-klhi8967

Nur ausnahmsweise bekennt sich Peter Brandt zu einem persönlichen Motiv, so als er die Rolle von Brigitte Seebacher-Brandt, der Witwe seines Vaters, beschreibt. Sie habe den todkranken Brandt „aufopferungsvoll“ gepflegt, „was ich ihr bis heute hoch anrechne“ (S. 13). Anders als vielfach übermittelt er ein ausgesprochen positives Bild. Zur Kritik, „dass meine Mutter [Rut Brandt] weder zum staatsoffiziellen noch zum privaten Teil der Beisetzung eingeladen worden war “: „Ich hatte das sichere Gefühl, dass Brigitte die Dinge im Sinne meines Vaters regeln würde. (…) Ich neige bis heute zu der Auffassung, dass mein Vater das so gewollt hatte oder gewollt hätte“ (S. 15).

Peter Brandts Bruder Matthias dagegen wirft sich vor, dennoch an der Beisetzung teilgenommen zu haben, statt bei seiner Mutter zu bleiben, die diese „spezielle seelische Brutalität“ bis zu ihrem Tod im Jahr 2006 nie verwunden habe. „Meine Mutter auszuladen, und sich mit Kohl hinter den Sarg von Willy Brandt zu stellen, dazu sind schlicht ungeheure Spezialtugenden erforderlich“, so Matthias Brandt weiter. „Die Frau ist das Grauen.“ (Im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung, 13.8.2011).

Der objektivierte Abstand zum Vater ist jedoch nicht allein aus der Perspektive des Historikers erklärbar. Denn Distanz zum Vater entwickelte der älteste Sohn bereits als Student in linken Gruppierungen, so in den Auseinandersetzungen über den Krieg der USA in Vietnam. Willy Brandt habe sogar mit Rücktritt als Regierender Bürgermeister Berlins gedroht, wenn Peter seine „Aktivitäten fortführe“ (S.134). Peter Brandts Kapitel, auch hierzu, mit der Überschrift „Jugendradikalisierung: die Protestbewegung der späten sechziger Jahre“, könnte Teil seiner eigenen Biografie sein.

Später wäre Peter Brandt unter seinem Vater als Bundeskanzler fast Opfer des „Radikalenerlasses“ geworden, durch den Extremisten aus dem öffentlichen Dienst ferngehalten werden sollten, der in der Praxis aber auf Gesinnungsschnüffelei hinauslief. Als Historiker sieht Peter Brandt jedoch die damalige Zwangslage des Kanzlers, der aus außenpolitischen Gründen so ein Verbot der DKP vermeiden wollte.
Bei diesen Auseinandersetzungen muss aber auch daran erinnert werden, dass die politischen Wege von Vater und Sohn vergleichbar verliefen: Willy Brandt verließ 1931 die SPD und schloss sich der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP) an. Peter Brandts Weg führte von der SPD-nahen Jugendorganisation Die Falken zu trotzkistischen und sozialistischen Splittergruppierungen. Beide traten wieder in die SPD ein, Peter Brandt: „frei nach dem Motto Paul Levis: Mein Bedarf an Spaltungen ist gedeckt“ (S. 132).

Was „stimmt“ denn nun, bei der oft widersprüchlichen Geschichtsschreibung zu Willy Brandt sowie den Zeugnissen von Zeitzeugen? Peter Brandt selbst schlägt vor: „An Interpretationen sind fast immer mehr als eine möglich“ (S. 8). Allerdings schreibt er auch, dass er selbst mit einer solchen komplexeren Sicht in Konflikt mit seinem Vater geraten war, ausgerechnet anlässlich des Historikerstreits. Peter Brandt zum Völkermord an den Juden: „Einzigartig sei die Shoa in mancher, aber nicht in jeder Hinsicht. Sei es nicht immer die Aufgabe von Historikern zu ‚relativieren‘ (…) Von diesen rein analytischen Überlegungen wollte mein Vater nichts wissen“ (S. 196).

Peter Brandts Blick „mit anderen Augen“ kontrastiert mit der „erlebten“ Sichtweise des Vaters. Merkwürdig eindimensional bleibt dagegen eine Passage über das Verhältnis der wirtschaftlich und finanziell Mächtigen gegen Willy Brandts Politik und Person. Wie bei fast allen historischen Abhandlungen sonst findet sich auch bei Peter Brandt kein Wort über den Kampf des „Großen Geldes“ gegen den Bundeskanzler Willy Brandt, mit Großeinsatz im Bundestagswahlkampf 1972. Im Gegenteil, weite Teile der Großindustrie positioniert er sogar in Übereinstimmung mit der Entspannungspolitik. Peter Brandt: „Sicher: Die Ostpolitik deckte sich mit den Interessen weiter Teile der westdeutschen Großindustrie an neuen Waren- und Kapitalabsatzmärkten. Gleichzeitig war sie aber auch getragen von einem breiten Engagement der Intelligenz, von der Zustimmung der Volksmehrheit und von der millionenfachen Hoffnung auf eine Ära des Friedens für Deutschland. Das quittierten die Menschen Willy Brandt am Wahltag 1972 positiv. Der Wahlkampf um die Ostverträge war erbittert gewesen“ (S. 206).

Völlig anders gewichtet Albrecht Müller, verantwortlich für Brandts Wahlkampf 1972: „Aber die meisten konservativen Unternehmer und Kapitaleigner waren feindselig gegenüber Willy Brandt. Und sie organisierten und finanzierten Kampagnen gegen ihn“ (Müller: Brandt Aktuell, S. 30). Dieser bereits früh gut dokumentierte „Klassenkampf von oben“ ist auch anlässlich des 100. Geburtstages von Willy Brandt weder von Historikern noch von den allermeisten Publizisten endlich aufgearbeitet worden.

Peter Brandts Buch ist im Oktober 2013 erschienen. Eine vierte Auflage musste schon im Februar 2014 nachgeliefert werden. Für weitere Auflagen sollten Autor und Verlag ihre Entscheidung überdenken, ob für den Nachweis von Zitaten und weiterführender Literatur weiterhin auf die Homepage des Verlages verwiesen wird. Denn dieses mit großem Gewinn zu lesende Buch steht bestimmt länger in den Regalen, als es der Verlag im Programm und auf seiner Homepage behalten wird. Aber das ist, mit Willy Brandt, eine Petitesse.

Peter Brandt: Mit anderen Augen. Versuch über den Politiker und Privatmann Willy Brandt, Bonn: J. H. W. Dietz Nachf., 2013, 4. A. 2014, 280 S., Leinen mit Schutzumschlag; ISBN 978-3-8012-0441-9; 24,90 €

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