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Im international-multimedialen Netzwerk: Wer hat die längere Publikationsliste?

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In der Wissenschaft geht es immer seltener um den Erkenntnisgegenstand. Stattdessen dreht sich zum Beispiel alles um die Frage, wer die längere Publikationsliste hat.

Zahlen, Informationen und Daten sind das neue Gold. Nicht im Goldrausch, sondern im Datenrausch befinden wir uns. Welchem Zweck es dient? Da weichen die Meinungen der Datenvoyeure und Datenexhibitionisten auseinander – wobei das auch nicht so wirklich stimmt. Denn im universitären Betrieb befinden sich Professor Voyeur und sein exhibitionistischer Doktor in einem symbiotischen Verhältnis der gedankenlosen Datenaffirmation. Am deutlichsten wird dieses sich etablierende perverse Selbstverständnis der heutigen Wissenschaft anhand der unzähligen Kampagnen, die an den Universitäten angezettelt werden. So etwa der Aufruf „How Strong Are You?“, der Wissenschaftler dazu auffordert Teil der Wissenschaftsgemeinschaft „The Open Researcher and Contribut ID“ (ORCiD) zu werden und sich mit anderen Wissenschaftlern zu vernetzen.

Dieses international-multimediale Netzwerk fungiert – wie viele andere Netzwerke – als angesagtes Potenzcheckinstrument wissenschaftlicher Leistung. Wissenschaftlicher Leistung im postmodernen Sinne, was soviel bedeutet wie small talk ist out, science talk in. Nicht nur der Kommunikation wegen wird kommuniziert, sondern auch der Forschung wegen geforscht. YouTube, Twitter und Co. unterstützen hierbei die Jünger der Wissenschaft bei ihren ganz eigenen Flickenteppichen.

Wie bei der phatischen Kommunikation spielt die wissenschaftliche Auseinandersetzung nur eine Nebenrolle, die multimediale Vernetzung mit der Wissenschaftsgemeinde aber eine umso größere. Nicht das was, sondern das wie zählt: Wie viele internationale Knotenpunkte schweben neben einem im Wissenschaftsnetzwerk? Wie viel tosenden Applaus erhält man beim Science Slam? Wie viele Nationen vereint man nicht nur via Skype, sondern körperlich am Lehrstuhl? Waren hier die Hexen der Gendermaschinerie am Werk? Haben sie so viele Schwarze Witwen produziert? Ist das der Grund für den bevölkerungstechnischen Frauenüberschuss? Fragen über Fragen, die womöglich von einem Datenjünger auf einem Science Slam evidenzbasiert im Schatten der wissenschaftlichen Selbstinszenierung als Zufallsbefund beantwortet werden.

Doch woran lässt sich – abgesehen vom sozialen Webstuhl – die Performance eines Wissenschaftlers heutzutage messen? Zum einen an seiner Fähigkeit beim Geldeinwerben; deswegen weiß man bei manch einem Wissenschaftler nicht, ob es sich tatsächlich um einen mit einer Schwäche für Lutscher handelt oder nicht. Zum anderen an der Anzahl seiner Publikationen; deswegen weiß man bei manch wissenschaftlichem Artikel nicht, ob man schon beim eigentlichen Text oder noch der Autorenliste ist.

Das ist auch der Grund, warum bei „How Strong Are You?“ mit Sätzen wie „Your Name Is Your Branch“ oder „More Networking With Less Effort!“ oder „My Publications Are My Business card!“ geworben wird. Je mehr, desto besser gilt auch hier. Quantität statt Qualität, Selfbranding statt Sciencebranding.

Man bekommt den Eindruck als handele es sich um einen algorithmischen Therapieworkshop für Wissenschaftler in einer existentiell-narrativen Krise; therapeutisches Gruppenkuscheln unter algorithmischer Anleitung als letzter verzweifelter Versuch. Wenn schon das Narrative zu viel Unsicherheiten und Uneindeutigkeiten produziert, so reduziert wenigstens das Primat der Zahl diese oberflächlich. Zudem spendet das binäre Gruppenkuscheln noch ein bisschen gemeinschaftliche Wärme, die aber flugs bei der wissenschaftlichen Performance erlischt. Denn die basiert auf harten Fakten, die semantisch leer gefegt sind: Die Anzahl der Publikationen, die Eigenschwere im möglichst internationalen, transatlantischen, orientalischen Wissenschaftsnetzwerk, die Unmengen von im Aktenschrank gehorteten quantitativen Daten…

Das macht die neue Visitenkarte der Wissenschaftsschickeria aus oder wie es ein schicker Wissenschaftler enthusiastisch formuliert: „When I‘m going to meet an unknown colleague, I often look up their publications list first. This gives me an impression who I will be talking to and what background and impact they have.“

Vor diesem background: Warum gehen Wissenschaftler eigentlich noch auf Kongresse? Klar, weil manche so auf Kosten des Steuerzahlers mit einer kühlen Blonden am Tegernsee herumtuckernd den Abend ausklingen lassen können. Aber was ist mit ihrem impact? Meine Lösung hierfür wäre – angelehnt an eine Ärztedemonstration – Komparsen für sich auf Kongresse zu entsenden. Gelder gibt es hierfür bestimmt. So kann man zeitgleich an mehreren Kongressen sein und seinen impact erweitern.

Wenn es also nach den ganzen „Datenaffirmateuren“ geht, sagen heutzutage nicht mehr Blicke, sondern Zahlen mehr als tausend Worte. Aber wenn Zahlen das neue Sein sind, dann sollte es einen nicht mehr wundern auf den universitären Fluren dem Paradoxon der vielen Einsen und Nullen zu begegnen. Schließlich glaubt ein jeder von sich die einzigartige Eins im exhibitionistisch-voyeuristischem Datenrausch zu sein – mit der längsten Publikationsliste.

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