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Härtetest für die Demokratie: Warum Gefühle unsere Gesellschaft gefährden – #DHMDemokratie

Das Deutsche Historische Museum hat Cuncti unter dem Hashtag #DHMDemokratie zu einer Blogparade eingeladen. Das Thema: Was bedeutet mir Demokratie? Wir starten heute mit einem Beitrag unserer Autorin Deborah Ryszka.

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Im öffentlichen Diskurs dominieren persönliche Animositäten, die maßgeblich die Wahrnehmung von Argumenten beeinflussen. Das gefährdet zunehmend die Demokratie.

Je nach Zeitalter und geografischer Lage präsentiert sich die Demokratie in unterschiedlichen Gewändern. Bedeutete sie nach der französischen Revolution eine Demokratie des Bürgertums, wandelte sie sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in eine Demokratie der Volksmassen. Gegenwärtig existiert eine Demokratie der Kosmopoliten.

Im Zentrum dieses kosmopolitischen Lebens der „anywheres“, wie sie David Goodhart nennt, steht die Selbstverwirklichung. Aus psychologischer Sicht kennzeichnen den Kosmopoliten das Erleben, der Exzess, die Abwechslung, aus materieller Perspektive der Besitz und der Konsum bestimmter, ausgewählter Produkte. Gehören die gesamte Apple-Produktpalette und der regionale Traubensmoothie zu den products to have, müssen die places to be ein einzigartiges Erlebnis bieten, um das kosmopolitische Lebensgefühl zu vollenden. Der Kosmopolit lebt einen bestimmten „Lifestyle“.

Die Einführung der „Ehe für alle“, die „Fridays for Future“-Demonstrationen und das Aufgreifen feministischer Themen in der öffentlichen Sphäre, allen voran der Popularitätszugewinn der Grünen, zeugen von der sozialen Bedeutsamkeit dieser kosmopolitischen Gruppierung. Ihren Interessen und ihren für relevant empfundenen gesellschaftlichen Themen wird eine gewichtige mediale und politische Aufmerksamkeit zuteil. Hat das etwas mit Meinungsvielfalt zu tun?

Obwohl oben genannte Probleme lebenswirkliche Probleme innerhalb dieser gesellschaftlichen Sphäre darstellen, stellen die Lebensprobleme der kosmopolitischen Antipoden, die „somewheres“ (David Goodhart), ebensolche dar: das Ideal eines anderen Lebensstils, die Prekarisierung der Lebens- und Arbeitsverhältnisse und Abstiegsängste. Statt ihre Ansichten und Nöte ernst zu nehmen, werden diese mit Wortfloskeln, ähnlich Angela Merkels „Wir schaffen das“, besänftigt: die Geburtsstunde der AfD als Protestpartei und einzige Alternative gegenüber der kosmopolitischen Lebensweise.

Obwohl beide Lebensweisen, die mainstream-kosmopolitische und antikosmopolitische, als zwei gleichwertig nebeneinanderstehende zu betrachten sind, da es sich um ein Werturteil handelt (de gustibus non disputandum), dominiert in der Gesellschaft ein asymmetrisches Gefälle zugunsten des Kosmopoliten.

Apple-User versus Windows-User: von Gefühlen geleitet

Der urban lebende Apple-User begegnet dem provinziellen Windows-User mit Unverständnis und klassifiziert diesen als rückständig und fortschrittaversiv, erhöht sich gleichzeitig über ihn, wodurch er ihn zu einem Menschen zweiter Klasse degradiert. Die Deutsche Bahn etwa (nicht ihre Website!) spiegelt diese gesellschaftliche Realität sehr gut wider: in der ersten Klasse Apple-User, in der zweiten Klasse Windows-User.

Der Volksmund sagt: „Der Fisch stinkt vom Kopfe her.“ Apple-User degradieren Windows-User, Windows-User entwerten Ausländer und Migranten. Sozialpsychologen sprechen hier vom sozialen Lernen. Beobachtet oder erfährt ein Kind Gewalt in seiner Familie, lebt es oft seine Aggressivität außerhalb der Familie an Schwächeren aus. Wer wundert sich also über die zunehmende Ungleichheit, sei es sozio-ökonomischer oder psychologischer Art, in Deutschland?

Handeln, nicht Denken oder Reden, sind ausschlaggebend. Erst durch den Akt des Handelns verwirklicht sich der Akt des Willens, indem er sich entscheidet. Die grassierende Entscheidungs- und Handlungsunfähigkeit der Apple-User gegenüber den Windows-Usern spiegelt die Malaise unserer gegenwärtigen Gesellschaft wider: den kosmopolitischen Schwätzer.

Dieser schürt das Misstrauen gegenüber seinen Mitmenschen, wodurch andere als potentielle Bedrohung betrachtet werden und ein Denken in Freund-Feind-Schemata erwächst: Apple-User versus Windows-User, Windows-User vs. Ausländer und Migranten. Kann auf diesem Terrain des „unfreien Denkens“ Freiheit gedeihen?

Die Beziehung zum Gesprächspartner determiniert zunehmend die Interpretation des Gesagten im öffentlichen Diskurs

Die persönliche Neigung zu einem Charakteristikum der Gegenseite, oder gar Verständnis, genügen, um als Gegner „gebrandmarkt“ zu werden. Möchte etwa eine Frau die Vorzüge des Mutterseins genießen und sich primär der Familie widmen, wird sie vom Kosmopoliten in die rechte Ecke gedrängt. Ähnliches gilt für einen Bartträger, der qua seines Bartes zum Hipster „gebrandmarkt“ wird. Das Private wird politisiert.

Nach dieser Logik müsste jeder Fahrradfahrer ein Grünenwähler sein, da dieser ein umweltschonendes Fortbewegungsmittel nutzt. Dass sich etwa diese Person ein motorisiertes Gefährt nicht leisten kann, wird nicht in Betracht gezogen, weil es nicht der Lebensrealität des Urteilenden entspricht, der tagtäglich vor der Wahl steht: Urbanbike, Motorroller oder SUV.

Diese Verengung der eigenen Sichtweise mangels Perspektivenübernahme und Empathie fördert durch die Projektion eigener Gefühle und Gedanken zunehmend intolerantes Denken und Handeln gegenüber Andersdenkenden, –meinenden und –lebenden. Sofern das Gegenüber als nicht zur Eigengruppe gehörend wahrgenommen wird, werden wertfreie, Sätze mit für den Sprecher negativer Bedeutung aufgeladen. Auf das kommunikationspsychologische Modell von Friedemann Schulz von Thun, mit den vier Seiten der (1) Selbstkundgabe, (2) Sachebene, (3) Beziehungsseite und (4) Appellseite übertragen, bedeutet es eine Überbewertung der Beziehungsebene zum Nachteil der Information.

Jüngstes Beispiel stellt die Aussage des Grünenpolitikers Boris Palmer „Ich finde es nicht nachvollziehbar, nach welchen Kriterien die Deutsche Bahn die Personen auf dieser Eingangsseite ausgewählt hat. Welche Gesellschaft soll das abbilden?“ als Reaktion auf die neue Website der Deutschen Bahn dar. Weil die empörten Apple-User eine negative Beziehung zum Tübinger Oberbürgermeister hegen und die Beziehungsebene ihre Aufnahmefähigkeit maßgeblich prägt, werfen sie ihm Rassismus vor. Aus sachlicher Perspektive betrachtet, handelt es sich bei der Aussage Palmers um eine Bekundung des eigenen Unverständnisses, die in einer offenen Frage mündet. Sieht so freie Meinungsäußerung aus?

Eine primär durch die Beziehung getragene Kommunikation in der öffentlichen Sphäre, wie sie gegenwärtig zunimmt, schadet dem Diskurs und letztendlich der Demokratie. Denn Demokratie bedeutet die Einsicht in die Notwendigkeit von Gegensätzen und das Aushalten dieser ohne einer gleichzeitigen Ent- oder Aufwertung seines Gesprächspartners, weil dieser andere Ansichten als man selbst vertritt.

Demokratie bedarf einer sachlichen Auseinandersetzung

Es bedeutet das Zurückstellen persönlicher Animositäten im öffentlichen Diskurs, das heißt eine Kommunikation auf sachlicher, und nicht primär beziehungsbasierender Ebene, sowie das Bewusstsein, dass Demokratie die Demokratie einer kleinen gesellschaftlichen Gruppe darstellt. Hierdurch werden zwei Grundpfeiler der Demokratie gesichert: Freiheit und Gleichheit. In heutigen Zeiten sind diese gefährdet.

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