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Anmerkungen zur 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) [I]

Wir leben nach wie vor in einer stratifizierten Gesellschaft, d. h. in einer Gesellschaft, die durch die Existenz sozialer Klassen und Schichten konstituiert und geprägt wird.

Es können zwei konstituierende Merkmale unterschieden werden: zum einen das Vermögen und zum anderen die Bildung.

Die Verteilung des Vermögens ist ausgesprochen ungleich und wird immer noch ungleicher, es konzentriert sich immer stärker bei einer schwindelerregend reichen, quantitativ sehr kleinen besitzenden Klasse (Großbürgertum und in Europa z. T. noch Adel sowie neue Geldelite), die es in der Regel sehr erfolgreich versteht, ihren Reichtum in Macht zu übersetzen, die sie wiederum nutzt, um ihre ökonomische und politisch privilegierte Position zu erhalten und sogar auszubauen, während der Bildung eine nicht unwichtige, aber deutlich nachgeordnete Bedeutung zukommt. Sie kann bei der Verfolgung dieser Interessen hilfreich und als Teil des Habitus – z. B. des Kunstsammlers – begehrt sein, konstitutiv aber ist sie nicht. Hierzu seien zwei Quellen genannt: Friedhelm Hengsbach (SJ): Reichtum – politisch erzeugt? und Hans Jürgen Krysmanski, Hirten und Wölfe. Wie Geld- und Machteliten sich die Welt aneignen“.

Im Verhältnis zu der Führungsebene der privaten Unternehmungen spielt Delegation eine zentrale Rolle. Die privaten Eigentümer, die „principals“, führen nicht selbst, sondern sie lassen führen, nämlich durch die „agents“: das Top Management (Aufsichtsräte und Vorstände). Das problematische Verhältnis zwischen „principals“ und „agents“ wird in der „principal-agent-theory“ zum Gegenstand.

Wie können die principals erreichen, dass ihre agents trotz erheblicher Handlungsspielräume in der Tendenz das tun, was die principals von ihnen erwarten – und nicht etwas anderes? Die Antwort lautet: indem durch sorgfältige Personalauswahl – nicht zuletzt unter dem Gesichtspunkt des Vertrauens – sowie durch Kontrolle und nicht zuletzt durch gezielte Anreize eine Parallelität der Interessen hergestellt wird, z. B. durch die Anwendung des shareholder value-Prinzips. Trotzdem gibt es Fälle, in denen eine solche sozioökonomische Beziehung scheitert, wie man am Beispiel von Madeleine Schickedanz sehen kann.

Aus dieser Perspektive ist erkennbar, welche bemerkenswerte Naivität hinter der Annahme steckt, dass der Zugang zur Top Management-Ebene Teil einer gewöhnlichen Karriere sei, so wie sich das Angestellte vorstellen mögen. Tatsächlich ist der Zugang zu dieser Ebene aus den genannten Gründen in der Regel ein horizontaler, nicht ein vertikaler; ebenso der Abgang: Man tritt zur Seite, um nach einiger Zeit – auf derselben Ebene – an einem anderen Ort wieder ins Spiel zu kommen. Man will eben die Dinge in der Hand behalten und alles unter sich ausmachen, und nur gelegentlich wird die eine oder die andere Figur aus der darunter liegenden Führungsebene kooptiert, ähnlich wie in Zeiten der ständischen Gesellschaft einzelne Bürgerliche geadelt wurden (Goethe und  Schiller z. B.).  Die Karriereleitern, die Angestellte im Sinn haben dürften, sie enden, von Ausnahmen abgesehen, alle unterhalb der Top Management-Ebene.

Auf den unteren Etagen der Gesellschaft gibt es kein Vermögen, sondern nur die Arbeitskraft, und diese ist eine unqualifizierte (ungelernte) oder eine einfach oder komplexer qualifizierte Arbeitskraft. Hier scheidet die Bildung (Allgemeinbildung und Berufsbildung und akademische Bildung) die Schichten voneinander, da die Chancen, eine besser bezahlte und stabilere berufliche Position zu erreichen, mit dem Bildungsgrad tendenziell zunehmen. Die Unqualifizierten können froh sein, wenn sie irgendeine auskömmliche Beschäftigung finden, notfalls sind sie auf den  Niedriglohnsektor oder die Leiharbeit verwiesen. Diejenigen, die ihre Arbeitskraft nicht (Arbeitslose) oder nicht mehr (Rentner) oder noch nicht (Jugendarbeitslose) verkaufen können, sie sind auf staatlich vermittelte Transfereinkommen angewiesen, und solche Zustände tendieren nicht selten dazu, sich zu verfestigen. Mit anderen Worten: Für diese Schichten gibt es keine nennenswerte Aufwärtsmobilität; selbst zusätzliche Bildungsmaßnahmen dürften daran meist wenig oder nichts ändern.

Die Qualifizierten mögen dazu neigen, aus dem Umstand, dass sie eine kürzere oder längere Karrieretreppe vor sich sehen, diese nach oben hin unbegrenzt verlängert zu denken – und sich damit zu irren. Bei Facharbeitern (und Handwerkern) endet diese Treppe meist auf der Stufe der Meister, wenn sie nicht in den Gewerkschaften (oder in der beruflichen Selbständigkeit) fortgesetzt wird. So wird man dann vielleicht Betriebsratsvorsitzender bei VW.

Die qualifizierte Arbeitskraft, die mit einer breiten schulischen Allgemeinbildung antritt und die sich dann in einem Hochschulstudium komplex qualifiziert, sie hat tatsächlich eine gewisse Aussicht auf eine berufliche Karriere und auf einen bildungsbasierten sozialen Aufstieg. Aber da die Positionen nach oben hin seltener werden und schwerer zu erreichen und auszufüllen sind, auch weil der Wettbewerb sich verschärft, bleiben eben die meisten auf mittleren Positionen stecken – was durchaus kein Unglück sein muss.

Michael Hartmann formuliert das so: „Es gibt ja nicht nur Armut und Reichtum, es gibt ja – noch – ein breites Mittelfeld. Es macht ja schon einen Unterschied, ob Sie es als Arbeiterkind zum Studienrat schaffen oder ob Sie als Sohn eines Amtsrichters studieren können und danach einen ordentlichen Job bekommen.“ In diesem gesellschaftlichen „Mittelfeld“ – aber eben nur hier – wirken sich Ausbildung und Bildung tatsächlich positiv aus, so dass es kein Wunder ist, dass in diesen Schichten auf Bildung (allerdings tendenziell eingeengt auf A u s bildung) besonderer Wert gelegt wird: von ihr – bzw. von den erreichten Bildungszertifikaten, z. B. den Abiturnoten – hängt für sie eben fast alles ab, um zum Beispiel einen Zugang zu Studiengängen mit zahlenmäßig beschränkter Zulassung zu erreichen (numerus clausus), wie etwa in der Humanmedizin.

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Die 20. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks zeigt nun auf, dass die Konkurrenz, die sich aus diesen Verhältnissen ergibt, dazu führt, dass sich das akademische Kleinbürgertum im allgemeinbildenden Bereich (Gymnasium) ebenso wie im Hochschulbereich (Medizin, Recht) einigelt und sich und besonders seine Nachkommenschaft vor sozialen Aufsteigern, also vor Konkurrenz, zu sichern wünscht. Das geschieht, indem die Durchlässigkeit des Bildungssystems – wie auch immer – verringert wird, denn dadurch sinkt die Wettbewerbsintensität innerhalb der bildungsökonomisch orientierten Mittelschichten, oder sie steigt zumindest nicht an. Das überkommene dreigliedrige Schulsystem wird aus diesem Grund  mit Zähnen und Klauen verteidigt und die Gesamtschule mit allen Mitteln bekämpft. Denn die wesentlichen Vorentscheidungen für die spätere Bildungsgeschichte fallen meist schon hier. Dass dadurch begabte und tüchtige junge Menschen aus anderen Schichten ausgeschlossen werden, das wird billigend in Kauf genommen.

Ein hinreichend ausgestattetes System von Stipendien für Studenten aus nicht-begüterten Schichten ist ein wesentliches Gegenmittel gegen diese Exklusionstrategie, ein anderes besteht in der hinreichenden Ausstattung des Bildungssystems mit finanziellen Mitteln und mit Personal, ein weiteres in der – nicht leicht zu erreichenden – Bereitschaft zur Offenheit (Inklusion).

guenter buchholz
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Prof. Dr. Güter Buchholz, Jahrgang 1946, hat in Bremen und Wuppertal Wirtschaftswissenschaften studiert, Promotion in Wuppertal 1983 zum Dr. rer. oec., Berufstätigkeit als Senior Consultant, Prof. für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Consulting an der FH Hannover, Fakultät IV: Wirtschaft und Informatik, Abteilung Betriebswirtschaft. Seit 2011 emeritiert.

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