Diskriminierungen – individuell oder kollektiv?

Die Frage, was Gerechtigkeit bedeutet, beschäftigt Menschen seit Jahrtausenden. In der Gegenwart konkurrieren kollektivistische Auffassungen, denen zufolge die Gruppenzugehörigkeit für die Beurteilung eines Menschen entscheidend ist, mit individualistischen Auffassungen, für die die Einzigartigkeit (Individualität) des Menschen den höchsten Wert darstellt. Die kollektivistischen Auffassungen gehen davon aus, dass Menschen qua Gruppenzugehörigkeit benachteiligt, andere Menschen ebenfalls qua Gruppenzugehörigkeit bevorzugt werden.

Daraus entsteht bei den Kollektivisten die Forderung, dass Angehörige der angeblich benachteiligten Gruppen mittels besonderer Maßnahmen, zum Beispiel Quoten, gefördert oder gar bevorzugt werden sollen. Diese Auffassung widerspricht dem individualistischen Gerechtigkeitssinn, wonach es auf den Einzelfall ankommen sollte, denn es gibt Menschen aus den angeblich bevorzugten Gruppen, die mehr benachteiligt werden als Menschen aus den angeblich benachteiligten Gruppen.

Es ist nicht einleuchtend, dass eine ganze Gruppe (ich meine hier eine große Gruppen wie soziale Schicht, Geschlecht oder Ethnie), also alle Angehörigen einer Gruppe in der Bundesrepublik benachteiligt werden. Faktisch sind es immer nur einzelne Menschen (Individuen), die in einer bestimmten Hinsicht gegenüber anderen Menschen benachteiligt werden. Ich möchte das anhand einiger Beispiele, die sich auf die Bundesrepublik beziehen, veranschaulichen:

1 Die Sozialisten aller politischen Richtungen behaupten, dass Menschen aus der Unterschicht gegenüber Menschen aus der Mittel- und Oberschicht benachteiligt werden. Ihre Chancen im Berufsleben sind demnach geringer als die Chancen von Menschen aus den genannten bevorteilten Schichten. Also sollten sie bevorzugt behandelt werden. Denkt man nicht in Gruppenidentitäten, sondern betrachtet die Einzelfälle, so lassen sich genügend Menschen aus der Mittel- und Oberschicht finden, die besonders schlechte Voraussetzungen haben. Einige von ihnen wurden zum Beispiel in der Familie schlecht behandelt, was bei ihnen dauerhafte psychische Schäden hinterließ. Andere wurden beispielsweise in Internate gesteckt, in denen sie zu psychischen Krüppeln wurden, usw. Auf der anderen Seite lassen sich viele Menschen aus der Unterschicht finden, die in sehr guten Verhältnissen groß geworden sind. Sie wuchsen in stabilen Familien auf, die ihnen positive Werte und Selbstvertrauen vermittelt haben. Sie hatten Vertrauenspersonen und Freunde, die sie gefördert haben. Sie sind besser für Leben und Beruf vorbereitet als viele Angehörige der Mittel- oder Oberschicht. Daher stimmt es nicht, dass Menschen aus der Unterschicht qua Zugehörigkeit zu dieser Schicht benachteiligt werden. Es lässt sich höchstens behaupten, dass Menschen aus der Mittel- oder Oberschicht in der Regel oder in einer bestimmten Hinsicht (zum Beispiel bezüglich ihres Besitzstandes) bessere Voraussetzungen haben als Menschen aus der Unterschicht.

Die Feministinnen behaupten, dass Frauen qua Zugehörigkeit zu ihrem Geschlecht benachteiligt werden. Deshalb sollten sie besonders gefördert und bevorzugt behandelt werden. Auch hier kann leicht nachgewiesen werden, dass eine große Anzahl von Frauen viel bessere Entwicklungsmöglichkeiten, sei es familiärer, schulischer oder beruflicher Art, hat als die meisten Männer. Bezieht man die These von der schichtenspezifischen Benachteiligung auf Männer und Frauen, so kann leicht nachgewiesen werden, dass Männer aus der Unterschicht in der Regel wesentlich mehr benachteiligt werden als Frauen aus der Mittel- und Oberschicht – ein Sachverhalt, der von vielen Feministinnen völlig übersehen wird. Doch oben wurde bereits aufgezeigt, dass auch die These von der schichtenspezifischen Benachteiligung leicht widerlegt werden kann. Das bedeutet, dass einzelne Männer aus der Unterschicht weniger benachteilgt werden als Frauen aus der Mittel- oder Oberschicht.

Eine weitere kollektivistische Auffassung besagt, dass Migranten gegenüber den Einheimischen benachteiligt werden. Dies stimmt nur in einer Hinsicht: Migranten haben in der Regel schlechtere Deutschkenntnisse als Einheimische, was auch Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt mit sich ziehen kann. Doch dieses Defizit kann durch den Erwerb der deutschen Sprache ausgeglichen werden. Dass die meisten Migranten der Unterschicht angehören, macht sie nicht per se zu Benachteiligten. Viele Migranten haben bessere individuelle Voraussetzungen als die meisten Einheimischen. Als Migrant und Freund vieler Migranten kann ich das bestätigen.

Die Beispiele veranschaulichen, dass in der Bundesrepublik Menschen nicht qua Gruppenzugehörigkeit benachteiligt werden. Benachteiligungen können nur einzelne Menschen betreffen. Es kann höchstens behauptet werden, dass Angehörige einer Gruppe „in der Regel“ oder „in einer bestimmten Hinsicht“ gegenüber Angehörigen anderer Gruppen benachteiligt werden. Doch dieses „in der Regel“ oder „in einer Hinsicht“ reicht nicht aus, um die bevorzugte Behandlung ganzer Gruppen, zum Beispiel Quoten für diese Gruppen, zu rechtfertigen. Es wäre daher viel gerechter, nicht auf angebliche Benachteiligungen von Gruppen, sondern auf Benachteiligungen von Einzelpersonen zu achten.

Website |  + posts

Ich studierte Philosophie, Soziologie und Sprachwissenschaften.
Meine Doktorarbeit schrieb ich über den Begriff der Lebenswelt.

Ich stehe in der Tradition des Humanismus und der Philosophie der Aufklärung. Ich beschäftige mich vorwiegend mit den Themen "Menschenrechte", "Gerechtigkeit", "Gleichberechtigung" und "Demokratie".

In meinen Büchern lege ich besonderen Wert auf Klarheit und Verständlichkeit der Darstellung. Dabei folge ich dem folgenden Motto des Philosophen Karl Raimund Popper: „Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann“.

Ähnliche Beiträge

  • Zu viel Porno

    Gerade in einer Gesellschaft, in der Pornografie als sichere und leidensfreie Alternative zu echter Intimität gilt, ist Kritik an ihr angebrachter denn je. Das Problem mit der Kritik am unermüdlichen Anstieg der Pornografie, an den stoßenden Gliedern und Körperöffnungen auf praktisch jedem Bildschirm auf der Erde ist, dass die Leute wahrscheinlich denken, man sei prüde. Welche Erleichterung, dass ein echter Freigeist – Pamela Anderson –…

  • Plädoyer für eine zivile Debatte – ein offener Brief an den SWR

    An den Rundfunkrat des SWR sowie an Herrn Peter Boudgoust (Intendant des SWR) und Herrn Gerold Hug (Hörfunkdirektor des SWR) 01. März 2015 Sehr geehrte Damen und Herren, wir schreiben Ihnen anlässlich der Sendung „Maskulinisten – Krieger im Geschlechterkampf“, die in diesen Tagen bei SWR2 mehrfach ausgestrahlt wird. Mit einem überraschend konsequenten Freund-Feind-Denken und vielen offenbar bewusst gesetzten Falschinformationen macht diese Sendung Stimmung gegen eine…

  • Der aristokratisierte Individualismus – Freiheit zur Unfreiheit als Möglichkeitsbedingung des postmodernen Menschen

    Jeder ist sein eigener Monarch Aufgrund des angestiegenen Wohlstandes und der damit verbundenen individuellen, materiellen Unabhängigkeiten könnte der Anschein entstehen, dass der Mensch freier denn je sei – hätte er sich jedoch nicht im Rahmen dieser möglichen Freiheit für die Unfreiheit entschieden. Denn der Einzelne ist aufgrund seiner Konstitution von bestehenden inneren, also physiologischen und sozialen Bedürfnissen abhängig, welche unter anderem durch Aspekte der Beschleunigung,…

  • Der Generalverdacht gegen die Aufklärung

    Oder: Wie die Dialektik der Aufklärung die Verbreitung der Aufklärung verhinderte Die Kritische Theorie, auch „Frankfurter Schule“ genannt, gehört zu den einflussreichsten philosophischen Strömungen des 20. Jahrhunderts. Ihr programmatisches Werk ist die 1947 von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno verfasste Dialektik der Aufklärung. Bild: Jjshapiro in der Wikipedia auf Englisch, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6633571, Bild beschnitten Darin formulieren die beiden Hauptvertreter der Kritischen Theorie…

  • Es war einmal die Aufklärung

    Postmoderne Identitätspolitik setzt dem Westen erheblich zu, wie Alexander Ulfigs neues Buch „Das bedrohte Vermächtnis der europäischen Aufklärung. Wege aus der gegenwärtigen Krise“ zeigt. Ganz ist sie noch nicht verschwunden, aber Teile von ihr scheinen wirklich nur noch ein Märchen zu sein: Die Aufklärung. Zumindest wenn man dem neuen Buch des Philosophen Alexander Ulfig glauben möchte. Ulfig bezieht sich damit natürlich auf die philosophisch/politische Strömung…

  • Auftritt? Gecancelt!

    Das neue Buch „Cancel Culture. Demokratie in Gefahr“ von Kolja Zydatiss zeigt auf, wie man Andersdenkenden den Mund verbieten will. Würde Martin Luther heute leben und eine Rede an einer Universität halten wollen, er könnte es nicht! Alleine die Ankündigung würde einen massiven Proteststurm auslösen und selbst wenn er sprechen dürfte, würde seine Rede wahrscheinlich gestört und er selbst niedergebrüllt werden. Und warum? Nun, er…