Frankfurts Stalinallee

Die epochalen Visionen Stalins von der Gleichheit der Menschen, von Harmonie und Fortschritt haben im 21. Jahrhundert in Frankfurt am Main, dem deutschen Zentrum des Finanzkapitalismus, eine überraschende Verwirklichung gefunden.

Schnurgerade, breite, endlose und graue Alleen, gewaltige kubische Häuserblocks ohne jede Individualität, die schnörkellosen kahlen Fronten nur von Fensterschlitzen durchbrochen, weisen in die Zukunft des wirklich neuen sozialistischen Menschen, der ganz im Marxschen Sinne erst auf dem Höhepunkt und als Vollendung des entwickelten Kapitalismus entstehen kann.

Die Deutschen konnten zwar trotz massiver Bemühungen Stalingrad nicht erobern, haben jetzt aber einen Teil im Herzen Frankfurts wieder aufgebaut. Die Stalinallee bildet die Hauptstraße im neuen Frankfurter Europaviertel an der Messe und weist alle Merkmale der sowjetischen Architektur der 30er Jahre auf.

Der sowjetische Maler Alexander Deineka hätte seine reine Freude an dieser Straße gehabt, die alle Sentimentalität verbannt und von einer strengen, aber gerechten Vorstellung von Gleichheit kündet. Fortschrittliche Ideen sind nicht aufzuhalten; sie ziehen sich nur neue Kleider an und tauchen an einem unerwarteten Ort, zu unerwarteter Zeit wieder auf.

Nebenan findet sich ein letzte Woche eröffnetes Einkaufszentrum, von dessen Sorte es aber mittlerweile im ehemaligen Ostblock schon weit größere und schönere gibt. Hier konnte man möglicherweise aus Geldmangel der stalinistischen Vision nicht folgen; das Interieur zeigt in Farbe und Dekoration Anklänge an die 60er Jahre und wirkt etwas billig.

Aber auch das ist vielleicht höhere Absicht, denn die Besucher folgen Stalins Geist. Das neu-europäische, multikulturelle, also internationalistische Proletariat strömt als Vorhut des gesellschaftlichen Fortschritts hinein, ist es doch mit immerhin genug Geld versehen, um sich aus einer Art Edelwühlkorb zu bedienen. Etwas für alle! Volksdemokratie light. Die Ruhigstellung breiter Volksschichten durch Konsum hätte Stalin begeistert.

Auf dem Dach befindet sich als Konzession an den Zeitgeist eine grüne Oase. Wie beim Hochhaus der Commerzbank, das nur gebaut werden durfte, wenn ein paar Bäume in Zwischengeschossen aufgestellt würden, bepflanzte man das Dach des Einkaufszentrums mit diverser Vegetation, um die Unterschrift der Grünen unter die Baugenehmigung zu erhalten. Dementsprechend verirren sich unter die proletarische Masse auch einige Grüne, die aber schnellstens erschrocken in den Dachgarten verduften.

Man sieht, auch epochale Visionen müssen manchmal ideologisch angepasst werden. Dafür zeigt die viel zu niedrige Zahl an Toiletten, Rolltreppen und Fahrstühlen Mängel, wie sie ein sozialistischer Baumeister nicht besser hinbekommen hätte. Die Masse tritt sich deshalb in Notausgängen und Fluchtwegen halb tot.

Wieder draußen, wird das Erlebte sogleich auf Facebook in die Welt posaunt. Der unbeirrte Glaube an den Segen der Technologie hat zu Überwachungsmöglichkeiten geführt, von denen Stalin nur träumen konnte, die aber, und das ist wirklich neu, den Menschen nicht etwa aufgezwungen, sondern von ihnen freiwillig ermöglicht werden. „Einholen und überholen!“, hatte Stalin gesagt. Wenn er das noch erleben könnte…

Frankfurt hat eine neue Sehenswürdigkeit, die unbedingt zum touristischen Standardprogramm hinzugefügt werden muss: die Stalinallee. Ein Spaziergang dort mit einem Einkaufsbummel nebenan verbunden sollte in keinem Besuchsprogramm fehlen.

Foto: Prof. Adorján Kovács

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