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Bildung schützt nicht

Bis zu meinem Master-Abschluss verlief mein Leben sehr geradlinig. Dann traf ich Sie und alles geriet aus den Fugen.

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Mein Leben begann sehr vielversprechend und einfach. Abitur, Wehrdienst, dann mit kurzer Wartezeit ein Studium der Biologie. Und nie wäre ich auf die Idee gekommen, dass man als Mann diskriminiert werden würde.

Ich verstand zwar nicht genau, warum Frauen keinen Wehrdienst leisten müssen oder warum es soviele Hilfs- und Unterstützungsprogramme für Frauen gab, aber irgendwie schien ja alles gut zu laufen. Mit eben jenen Frauen hatte ich keinen Erfolg. Weder in meiner Schulzeit noch im Großteil meines Studiums hatte ich engen Kontakt mit dem anderen Geschlecht. Ich stellte Frauen auf ein Podest, hielt sie für wunderbare Wesen, die es zu beschützen und retten gilt. Irgendwann verstand ich, dass es genau diese Einstellung war, die Frauen abstieß, also legte ich sie ab und auf einmal lief es. Ich hatte eine Freundin, die mich dann nach drei Jahren darüber informierte, dass sie einen anderen Mann traf. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihn oder mich wollte, und in dieser unsicheren Umgebung, dieser Umgebung zwischen Beziehung und Nicht-Beziehung, traf ich Sie.

Sie war anders, wilder, verrückter und sexueller in ihrem Auftreten. Mann konnte Spaß mit ihr haben und tiefe Gedanken austauschen. Auf der anderen Seite spielte sie die „Rette mich!“-Karte. Erzählte sie schon nach wenigen Minuten Kennenlernen, was in ihrem Leben alles schief gelaufen ist, von Psychiatrie, Straftaten und der Wohnungslosigkeit, in der sie sich mehr oder minder befand, hätte sie ein anderer Weißer Ritter nicht bei sich aufgenommen. Hier hätten alle meine Warnglocken schrillen sollen, aber ich ließ mich auf sie ein. Weihnachten war wenige Wochen später und wir feierten zu zweit. Gutes Essen, Party und wilder Sex. Sie nahm die Pille und erzählte mir, dass Kondom keine Option sei, da sie kein Latex vertragen würde. Hier hätten wieder meine Alarmglocken schrillen sollen, aber wenn man liebt, neigt man zum Vertrauen.

Als ich sie nach einer Woche Weihnachtsfeiern nach Hause zurückbringen wollte, schloss sie sich auf der Toilette ein und schnitt sich in die Arme. Als sie mir die Wunden mit Tränen in den Augen zeigte und davon berichtete, wie sie sich selbst verletzte, konnte ich sie nicht wegbringen. Und wieder ignorierte ich die Warnsignale.

So lebten wir zusammen in meiner kleinen Studentenwohnung. Ich zahlte das essen und half ihr, wieder auf die Beine zu kommen, was schwieriger war als ich annahm. Sie hatte nicht mal Personalien. Aber irgendwie war da immer die Stimme in mir, die meinte, ich müsste ja helfen. Selbst der Rat eines freundlichen Sozialarbeiters „Du kannst sie nicht retten“ schlug ich in den Wind und dann ließ sie die Bombe platzen.

„Ich bin schwanger! Meine Pille hat versagt! Ich bin nicht schuld, aber will das Baby behalten!“ Ich war hin und hergerissen, redete mit ihr, sprach auch das Thema Abtreibung an. Ihre Freundinnen fuhren mich zornig an, wie ich es überhaupt wagen kann, dieses Thema anzusprechen. Später erst erfuhr ich, dass ich in diesem Belang kein Mitspracherecht hatte. Sie hat mich angelogen in vollem Bewusstsein, auch wenn sie es bis heute leugnet, und ich hatte keinerlei Rechte mehr. Nur die Wahl zwischen „Sich um das Kind und damit leider auch um die Mutter kümmern“ oder „Jeden Monat Geld zahlen und mit dem schlechten Gewissen leben“.

Ich entschied mich für ersteres und damit begann ein jahrelanger Leidensweg. Sie begann, Dinge zu fordern. Eine größere Wohnung, eine Möglichkeit wieder zu reiten, mehr Geld für alles. Sie konnte ja nicht arbeiten, war ja schwanger, also musste ich ran. Ich arbeitete in einer Spielhalle als Aufsicht. Ein Job, den ich nie wieder in meinem Leben tun werde. Nebenbei schrieb ich Bewerbungen und den Haushalt erledigte ich dazu, denn schließlich war sie schwanger. Ich musste neue Möbel ranschaffen, schließlich hätten wir bald ein Kind. Kleidung, Einrichtung, Essen, alles ging von meinem Ersparten ab, bis nichts mehr übrig war. Und sie gab sich nicht mit einfachen, gebrauchten Möbeln zufrieden, nein, es mussten neuwertige Möbel sein. Und dazu ihre ständigen manisch-depressiven Phasen. Und immer noch hatte ich keine Chance rauszukommen, ohne wie das letzte Monster auszusehen.

Nur eine Hoffnung gab es für mich. Eine Stelle in meinem Beruf zu finden, die so gut bezahlt wurde, dass ich ihre Wünsche befriedigen konnte, ohne mich zu verschulden. Hunderte Bewerbungen schrieb ich. Ich war kein Einser-Student, aber immerhin hatte ich einen glatten Zweier-Schnitt. In meinen Master-Kursen damals hatten wir einen Frauen-Anteil von 80%. Zu Zeiten meines Bachelor-Studiums sogar 90%. Aber immer noch sah ich unter allen Stellenausschreibungen einen dieser Sätze, die ich zu hassen gelernt habe: „Frauen werden nachdrücklich aufgefordert, sich zu bewerben.“ „Bei gleicher Qualifikation werden weibliche Bewerber bevorzugt eingestellt.“ Wie konnte das sein? Und vor allem, wie soll ich mich gegen eine Überzahl von 80% an Frauen durchsetzen, wenn sie bei Gleichstand gewinnen?

Ich erhielt nur wenige Einladungen zu Bewerbungsgesprächen, die erste nach einem Jahr. Hier wurde ich dann auch gefragt, warum ich nicht früher eine Stelle gefunden hatte? Ich antwortete wahrheitsgemäß. Im dritten Bewerbungsgespräch führte mich ein älterer Professor nach draußen. Er gab mir den inoffiziellen Tip, meine Vaterschaft aus meinem Lebenslauf zu streichen und auf die Frage, warum ich nicht früher eine Stelle gefunden habe, eine Krankheit oder ähnliches zu erfinden. Väter wären als Doktoranden nicht erwünscht, da sie nicht flexibel genug wären.

Ich war geschockt. Das ganze Gerede darüber, dass man doch seine Elternzeit als Mann nehmen soll, dass Deutschland mehr Nachwuchs braucht. Alles war nur Gerede. Schlußendlich sollte man nur funktionieren. Ich änderte meine Bewerbungsschreiben.

Ein Jahr später hatte ich wieder zahlreiche Bewerbungen hinter mir, versuchte es mit der Selbstständigkeit. Ohne Erfolg. Die Beziehung mit der Mutter meiner Tochter wurde unerträglich. Sie rührte kaum einen Finger im Haushalt, kümmerte sich nur sporadisch um eine Arbeitsstelle und nur einer von uns beiden wurde regelmäßig vom Arbeitsamt unter Druck gesetzt. Sie dürfen raten, wer das war.

Schließlich fand sie eine Stelle als Kellnerin in einem nahegelegenen Restaurant. Diese Stelle war so gut bezahlt, dass ich Elternzeit nahm und den miesen Job kündigte. Endlich konnte ich mich völlig auf die Bewerbungen konzentrieren und ich war erst etwa anderthalb Jahre aus dem Studium raus. Es ging bergauf, so dachte ich. Sie hatte die Stelle ganze zwei Monate, bevor das Restaurant schloss und sich der Betreiber, ohne die ausstehenden Gehälter auszuzahlen, aus dem Staub machte. Wieder saß sie nur Zuhause auf dem Sofa, wieder erhielt ich die Briefe vom Arbeitsamt und noch schlimmer: Dieses mal musste ich ihr beim rumsitzen zusehen, konnte nicht aus dem Haus zur Arbeit flüchten. Wir stritten uns ständig.

Zu meinem Glück hatten wir noch vor der Geburt einen Amtstermin gehabt, in dem ich das halbe Sorgerecht erhalten hatte. Erst später erfuhr ich, dass ich ohne diesen Termin damals noch rechtlos gewesen wäre. Ich hätte meine Tochter weder sehen, noch sie erziehen oder mit ihr Zeit verbringen dürfen, ohne Zustimmung der Mutter. Ich hätte aber die Pflicht gehabt zu zahlen. Wie konnte dieser Umstand bis Mitte 2013 bestehen? Wie kann es sein, dass in einem modernen Staat erst auf Druck der EU eine Änderung entsteht, die auch Männern, wenn auch über Umwege, das Recht einräumt, ein Kind zu haben?

Die Beziehung hielt knapp drei Jahre, bis ich es nicht mehr aushielt. Vor der Trennung informierte ich mich über das Thema Sorgerecht. Ich wollte in keine Falle laufen, so dass ich plötzlich jeden Monat tiefer in die Schulden absacke, nur um ihren Lebenstil zu finanzieren. Ich erinnere mich noch an ihren Kommentar, als sie überlegt, was sie aus der gemeinsamen Wohnung, die ich immer noch bewohne, mitnehmen sollte: „Ich nehm´ einfach alles mit, du kannst dann ja was wieder holen.“ Ich hatte meine gesamten Ersparnisse geopfert, um die Einrichtung zu zahlen. Diese Kaltschnäuzigkeit wiederte mich an.

Eine Stelle in meinem Beruf hab ich nun immer noch nicht gefunden, selbst in ähnlichen Berufen scheint es unmöglich zu sein. Durch Kind und zerstörerische Beziehung habe ich drei Jahre meines Lebens verloren. Drei wichtige Jahre, in denen ich eigentlich meine berufliche Situation hätte festigen müssen. Erwartungen und Gesetzlage ließen mich wählen zwischen Schulden und schlechtem Gewissen auf der einen und Arbeitslosigkeit auf der anderen Seite. Mittlerweile arbeite ich wieder. Ich bin Nachhilfelehrer. Gut bezahlt werde ich nicht, aber ich bringe jungen Menschen gerne etwas bei. Auch dass sie sich nicht alles gefallen lassen müssen und das Vertrauen einem manchmal eine Menge kosten kann. Meine Tochter sieht sowohl Mutter als auch Vater täglich, wir wohnen nur ein Haus auseinander und kommen miteinander klar. Eine neue Freundin hab ich auch, eine, die meine Situation sehr genau kennt und mir durch die härtesten Zeiten meiner Arbeitslosigkeit geholfen hat.

Heute habe ich erst wieder gelesen, dass ein abgeschlossenes Studium der beste Schutz vor Arbeitslosigkeit ist. Gleichermaßen habe ich auch wieder gelesen, dass „Frauen bei gleicher Qualifikation bevorzugt eingestellt werden.“ Vielleicht schützt das Studium nur Frauen vor der Arbeitslosigkeit, auf alle Fälle wirkt es bei ihnen besser. Aber ich habe auch gelesen, dass wegen der Gleichstellungsgrundsätze auch Männer aufgefordert werden, sich zu bewerben. Vielleicht bewegt sich ja doch etwas…

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