Nur schön und sexy?

Ist die Emanzipation der Mädchen am Ende? Driften sie von der „Überholspur“ zurück in den „Boxenstopp“? Das signalisiert – auch in dieser bildhaft blöden Sprache – die Studie „Mädchen in der Schweiz“. Urheberin ist das „Institut Gender & Diversity“ der Fachhochschule Ostschweiz, verantwortlich dessen Leiterin Gabriella Schmid.

Folgt man der Untersuchung, dann werden die Frauenbilder der Mädchen heute verstärkt von den Medien geprägt. Frauenfiguren würden dabei hauptsächlich in den Bereichen Haushalt, Familien und Schönheit dargestellt.

In einem Interview (BAZ 4.12.) ergänzt die Autorin, dass den Mädchen in Elternhaus und Schule „geschlechtsspezifische Eigenschaften zugeschrieben werden. Dadurch internalisieren sie Gedanken wie «Das kannst du nicht erreichen», «Du musst immer schön und sexy sein» oder «Du bist auf die Unterstützung eines Mannes angewiesen».“ Mit solchen Botschaften würde „das Potenzial der Mädchen ausgebremst“. Fazit: „Es lässt sich aktuell in der Gesellschaft und bei den Mädchen eine starke Rückorientierung an traditionellen Geschlechterrollen beobachten“.

Diese Schlussfolgerung kontrastiert mit allen Erkenntnissen aus den vergangenen 15 Jahren. Die deutsche Bundesregierung hat 2007 die repräsentative Studie „20jährige Frauen und Männer heute“ in Auftrag gegeben. Ergebnis: Junge Frauen „demonstrieren eine selbstbewusste Geschlechtsidentität. Sie sehen ihre eigene berufliche und private Perspektive optimistisch und entwickeln ihre Lebenspläne mit Blick auf ihre Chancen und Optionen“.

Jutta Allmendinger, Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin, kommt in der von ihr geleiteten Studie „Frauen auf dem Sprung“ zum Ergebnis, dass Mädchen heute unabhängig, ehrgeizig und selbstbewusst sind. „Ich weiß, dass ich gut bin“, sagen 99 Prozent der Befragten von sich. Auch die Männer müssten sich an die neuen, starken jungen Frauen gewöhnen. „Nett, fürsorglich und gehorsam zu sein – daran glauben sie nicht. Wichtiger als der Mann fürs Leben sind den Befragten ihre finanzielle Unabhängigkeit und eine gute Ausbildung.“

Solche und andere Befunde nimmt die St. Galler Studie erst gar nicht zur Kenntnis. Dabei lernt jeder Studierende schon im ersten Semester, dass bei einem Thema, das man wählt, eine Auseinandersetzung mit der bereits vorhandenen Literatur unabdingbar ist. Damit sind wir beim Setting der St. Galler „Studie“. Schaut man genauer hin, findet sich der Hinweis, dass ganze 55 Mädchen befragt worden sind, davon fast die Hälfte aus der 3. Klasse – Neunjährige also. Alle 55 Mädchen stammen ausschliesslich aus drei Gemeinden der Ostschweiz. Wie die Mädchen befragt worden sind und mit welcher Technik – zum Beispiel im qualitativen Interview – wird ebenfalls nicht präzisiert. Würde ein Studierender ein solches Machwerk abliefern, müsste man ihm als Lehrender wohl einen Berufswechsel vorschlagen.

Aber Frau Schmid hat ja schon einen Beruf, einen lebenszeitlich gesicherten sogar. Insofern kann sie sich auch erlauben, Wissenschaft mit Ideologie zu verwechseln. So polemisiert sie – im Sinne eines populistischen Feminismus – dagegen, dass Mädchen ihre Mütter oder Grossmütter als Vorbild nennen, unterstellt geradezu bösartig, dass eine Frau, die sich an traditionellen Lebenszielen orientiert, kein Selbstvertrauen hat und empört sich, wenn Mädchen sich für Lebensentwürfe entscheiden, die sie selber nicht als emanzipiert bewertet. Damit geriert sie sich als Hüterin der Wahrheit dessen, was heute Frau zu sein hat.

Skandalös ist auch, dass diese „Studie“ vom Hilfswerk „Plan“ finanziert wurde – anzunehmenderweise mit Spendengeldern.

Der Artikel erschien zuerst in der Basler Zeitung am 2. 1. 2015.

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