NackteFrau nhuj8767

Zu viel Porno

Gerade in einer Gesellschaft, in der Pornografie als sichere und leidensfreie Alternative zu echter Intimität gilt, ist Kritik an ihr angebrachter denn je.

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Das Problem mit der Kritik am unermüdlichen Anstieg der Pornografie, an den stoßenden Gliedern und Körperöffnungen auf praktisch jedem Bildschirm auf der Erde ist, dass die Leute wahrscheinlich denken, man sei prüde. Welche Erleichterung, dass ein echter Freigeist – Pamela Anderson – die Pornografie als Freizeitbeschäftigung für Versager verdammt hat.

Die Kolonialisierung des Internets durch Pornos, ihr Marsch auf die Geräte, die geradezu mit unseren nicht-wichsenden Händen verwachsen sind, spricht, so Anderson, für eine neue Zurückhaltung, sich mit den „üppigen Belohnungen einer gesunden Sexualität“ zu beschäftigen. Ja, der ehemalige Baywatch-Star, der die Sexualität von Millionen von Jungen erweckte, gab sich als Porno-Skeptikerin zu erkennen, und verlieh der Porno-Kritik das geeignete Maß an Seriosität.

Anderson tat sich dabei mit Shmuley Boteach zusammen, einem orthodoxen jüdischen Rabbi, TV-Moderator und Autor von Büchern wie „Koscherer Sex: Ein Leitfaden für Leidenschaft und Intimität“. Ihre Botschaft ist einfach: „Jungs und Mädels, konsumiert nicht so viele Pornos“. Sie driften dabei fast in pseudo-wissenschaftliche Angstmacherei ab, schreiben den Pornos „Suchtgefahren“ zu – auch wenn selbst der 15-jährige Knabe mit den erschöpften Händen aufhören könnte, sich Schund anzugucken, wenn er denn wirklich wollte – und echauffieren sich über die „Verwüstung“, die die „Pornosucht“ über die Gesellschaft bringe. Aber mal abgesehen von ihrem Hang zur Übertreibung nennen sie auch starke Argumente. „Porno ist für Versager“, behaupten sie. Es ist eine „langweilige, verschwenderische und zu nichts führende Ersatzhandlung für Leute, die zu faul sind, die üppigen Belohnungen einer gesunden Sexualität zu ernten.“

haben recht. Der Anstieg des Pornokonsums steht eindeutig für eine Abkehr von den „üppigen Belohnungen“ des tatsächlichen Sex, einer Abkehr davon, mit einer anderen, lebenden, atmenden Person ein Risiko zu wagen. Unmengen von Verklärungen für die Industrialisierung der Pornografie wurden vorgebracht, aber keine davon konnte überzeugen. Sie spreche für die fortgesetzte Umklammerung der Gesellschaft durch den männlichen Führungsanspruch, so die Feministen. Doch das ergibt keinen Sinn in einer Zeit, in der westliche Frauen Männer in der Schule, der Uni oder am Arbeitsplatz abhängen (zumindest, wenn sie unter 30 sind).

„Die Feigheit vor Beziehungen zu anderen Menschen ist der Treibstoff der Pornoindustrie.“

Diese Entwicklung zeige, dass unsere Jugend außer Kontrolle und pervers sei, sagen die religiösen Kämpfer gegen die Pornografie. Das wäre überzeugender, wenn nicht eine Studie nach der anderen aufzeigen würde, dass die Jugendlichen spießiger sind als je zuvor. Sie trinken weniger, rauchen weniger und beschweren sich mehr über Hypotheken als alle anderen jungen Erwachsenen in der Geschichte. Nein, der Aufstieg der Pornos ist kein Ausdruck patriarchaler Arroganz oder ein Anzeichen für die Pervertierung der Jugend, vielmehr zeigt sich darin ein weitgehendes Zurückweichen vor der Intimität, eine wachsende Überzeugung im modernen Westen, dass es riskant sei, sich körperlich oder emotional in einem anderen Menschen zu verlieren, und man am besten darauf verzichten sollte.

Pornos haben das Loch gestopft – wenn das keine zu bildliche Metapher ist –, das durch die Krise der menschlichen Intimität entstanden ist. Anderson und Boteach verstehen das, wenn sie Pornos als Zeitvertreib derer abstempeln, die „zu faul“ seien, die „üppigen Belohnungen“ des Sex „zu ernten“. Wobei „faul“ das falsche Wort ist, sie sind eher zu ängstlich. Die Feigheit vor Beziehungen zu anderen Menschen ist der Treibstoff der Pornoindustrie. Unsere heutige Zeit betrachtet die sexuelle Intimität als Minenfeld, als etwas, das einen womöglich krank macht oder die Psyche gefährdet. Von der großen Aids-Panik, mit ihrer Darstellung von Sex ohne Verhütungsmittel – der intimsten Form von Sex, als einer Art schlüpfrigem Russischem Roulette – bis zu den Gesundheitskampagnen, die uns weismachen, dass unsere Mitbürger weniger Menschen seien, die wir physisch kennenlernen sollten, als vielmehr wandelnde Brutschränke für Chlamydia und Gonorrhö, werden wir ständig ermahnt, Sex als ein zu großes körperliches Risiko zu betrachten. Und dann ist da noch der emotionale Tribut, den wir zu zahlen haben. Vom Klassenzimmer über die Pop-Kultur bis zum neuen Goldesel der Medien – Traktate des Neuen Feminismus – werden wir mit der Botschaft bombardiert, dass intensive Intimität schädlich sein könne, vor allem für Frauen, und insbesondere für die jungen. Bleibe also kühl und unnahbar.

Nichts zeigt die Anomie des 21. Jahrhunderts deutlicher auf, die Allergie gegen andere Menschen, die der Politik der Angst zugrunde liegt, als die Problematisierung der Intimität. Sie ist schon so weit fortgeschritten, dass angesehene Teile der Gesellschaft tatsächlich die Masturbation als gesunde Alternative zum Irrsinn einer sexuellen Begegnung anpreisen. Die britische Gesundheitsbehörde NHS erzählt den Jugendlichen, Masturbation sei „einfach Sex mit sich selbst“ – wenn du das glaubst, hattest du aber ziemlich schlechten Sex – und schwatzen davon, dass „wenige Risiken damit einhergehen: Du kannst nicht schwanger werden oder eine sexuell übertragbare Krankheit bekommen, wenn du wichst.“ Schulen lehren die Tugenden der Masturbation. Zahlreiche „Sexperten“-Bücher über das Palmenwedeln bewerben es als attraktive Alternative zur romantischen Leidenschaft ohne all „die Pein und den Schmerz und das Leiden“. Der neue Kult der Selbstliebe, der Massage sowohl der Genitalien wie des Selbstbewusstseins, spricht deutlich für einen Rückzug von Bindungen, für einen Rückzug von der Menschheit.

Und wir fragen uns, warum es so viele Wichser gibt. Die Leute werden zum Wichsen ermutigt. Tatsächlich wäre es heutzutage falsch, die Pornoindustrie als eine perverse, abseitige Bande zu betrachten, die unsere Gesellschaft mit Schund infiziert. Sie ist vielmehr der militante Arm einer gesellschaftlich etablierten Angst vor der Intimität, die heute mit den Störungen im gesellschaftlichen Zusammenleben im Westen Geld macht. Tatsächlich ist es eine düstere Ironie des Schicksals, dass die pornohassenden Feministinnen und ihre Getreuen mit ihrer Dämonisierung der Intimität und ihrer Kultur der Angst vor Beziehungen zwischen den Geschlechtern dieser neuen Industrie, die den Sex fetischisiert und als fertiges Produkt ohne Beziehungsleid anbietet, maßgeblich den Weg geebnet haben.

„Der Sex wurde nicht nur der emotionalen Intensität, sondern auch jeglichen menschlichen Kontakts beraubt.“

Und da haben Anderson und Boteach ihren Fokus falsch gesetzt: Das Problem besteht weniger darin, dass Pornos die Gesellschaft korrumpieren, als dass die bereits vorhandene Korrumpierung der Gesellschaft und des Ideals der Intimität dazu beitrugen, die Pornoindustrie zu nähren. Die Krise der Intimität führte zur Fetischisierung des Sex, wie Christopher Lasch vor 40 Jahren in seinem Klassiker „Das Zeitalter des Narzissmus“ feststellte. Westliche Gesellschaften „machen aus der emotionalen Loslösung eine Tugend“, sagte er, und das führt zu einem „Verlangen, [den Sex] seiner emotionalen Intensität zu berauben, mit der er unvermeidlich verbunden ist.“

Vier Jahrzehnte später, unterstützt vom sich ausbreitenden Internet, wurde Sex nicht nur der emotionalen Intensität, sondern auch jeglichen menschlichen Kontakts beraubt. Hören Sie auf Pam: Das ist nicht gut. Aber um das wieder in Ordnung zu bringen, bringt es wenig, gegen Pornos zu wüten und noch weniger, sie zu verbieten. Nein, wir müssen uns dem Krieg gegen die Intimität mit seiner unbeabsichtigten Erschaffung einer Armee von Wichsern entgegenstellen.

Aus dem Englischen übersetzt von René Christoph Eichler. Dieser Artikel ist zuerst bei unserem Kooperationspartner NovoArgumente sowie im britischen Novo-Partnermagazin Spiked erschienen.
Brendan O’Neill ist Chefredakteur des britischen Novo-Partnermagazin Spiked.

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