micpjpoh08016

Sind Meinungsfreiheit und Debattenkultur an deutschen Hochschulen gefährdet?

Der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt wurde von der Uni Frankfurt als Redner ein- und wieder ausgeladen, weil er nicht ins politisch-korrekte Weltbild passte. Wendt ist kein Einzelfall – wie steht es um die Demokratie an deutschen Hochschulen? Diese Frage stellte auch 3-Sat Kulturzeit am 23. Januar. 

micpjpoh08016

Ich bin nach meiner Abberufung als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar von einigen Universitäten in Deutschland zu Vorträgen eingeladen worden. Das hat mich sehr gefreut, weil ich große Lust hatte Studierenden meine Ideen über strukturelle Diskriminierung von Männern und den Stand der Gleichstellungsarbeit in Bezug auf Männer vorzutragen und meine Erfahrungen und Ideen zur Diskussion zu stellen.

Meinen ersten Auftritt hatte ich an der Uni Kehl. Dort verlief der Vortrag reibungslos. Es saß nur eine etwas ältere Dame im Publikum, der man ansah, wie schwer es für sie zu ertragen war, etwas über mögliche Diskriminierung von Männern zu hören. Sie verließ dann auch sofort den Raum, als ich geendet hatte.

oiefoasijdsIn Berlin nahm ich auf Einladung des damaligen Leiters im Wissenschaftszentrum an einer Podiumsdiskussion teil. Die Moderatorin der Veranstaltung entschuldigte sich gleich zu Beginn vor dem Publikum und distanzierte sich öffentlich von mir und Mitdiskutanten. Geladene Gäste behandelt man anders, dachte ich. Aus dem Publikum gab es auch Misstöne gegen mich zu hören.

In Köln war ich zu einer Podiumsdiskussion eingeladen worden. Man hatte mir einen Bodyguard zur Seite gestellt, weil es im Vorfeld erheblichen Widerstand gegen diese Veranstaltung gab. Ich wurde im Verlauf des Abends mehrmals gefragt, ob ich mich sicher fühlte. Während der Diskussion gab es lautstarke Attacken aus dem Publikum. Es ist dem Veranstalter zu verdanken gewesen, dass diese Diskussion dennoch stattfinden konnte.

An der Hochschule in Nürnberg gab es bereits im Vorfeld lautstarke Forderungen mich wieder auszuladen. Die Veranstaltung fand dennoch statt, was dem Geschick des einladenden Professors zu verdanken war. Es wurde vereinbart denjenigen, die gegen meinen Vortrag waren, genauso viel Sprechzeit einzuräumen, wie mir. Im Nachgang der Veranstaltung sprach mich eine Professorin an und räumte ein, dass man in der Uni nicht mehr frei reden könne.

In Wiesbaden gab es ebenfalls bereits vor der Veranstaltung in der Uni Aufrufe und Tumulte, die sich auch während meines Vortrages fortsetzten. Es war nur schwer möglich den Vortrag zu halten, da ich immer wieder lautstark unterbrochen wurde.

Ein Interview zur Diskriminierung von Männern, das ein Redakteur einer Unizeitung telefonisch mit mir führte, wurde nicht veröffentlicht, nachdem der Interviewer von seiner Redaktion zurückgepfiffen wurde, wie er mir persönlich mitteilte. Er war leider nicht bereit, das Interview auf andere Weise, als in der Unizeitung zu veröffentlichen.
An der Uni Frankfurt/Oder gab es keinen öffentlichen Widerstand, aber letztlich einen Boykott. Es kam einfach niemand.

An der Uni Düsseldorf, wo ich an einem Männerkongress teilnehmen wollte, wurde ich als Gast dieser Veranstaltung von etwa 20 protestierenden jungen Leuten davon abgehalten, das Gebäude betreten zu können. Bereits im Vorfeld hatte es massive Drohungen gegeben, sogar persönlich gegen Referenten. Nur mit Polizeischutz gelang es, in das Gebäude zu kommen.

Eine Veranstaltung in Leipzig, bei der ich einen Vortrag hielt, wurde bereits im Vorfeld attackiert und es wurde dazu aufgerufen, diese Veranstaltung zu boykottieren. Vor dem Eingang standen ca. 50 Menschen, die lautstark schrien und trommelten und uns nicht in das Gebäude lassen wollten. Der Start der Veranstaltung verzögerte sich, weil Menschen an die blecherne Gebäudewand trommelten, was bedrohlich und lautstark im Inneren widerhallte.

Ein Vortrag in Freising fand statt, aber auch hier gab es starken Widerstand.

Teilweise haben die Personen, die mich eingeladen hatten im Vorfeld und im Nachgang zur Veranstaltung viel Ärger auszuhalten. Das tut mir leid, aber ich honoriere ihren Mut!

So hatte ich mir das Universitätswesen und die Freie Rede in Deutschland nicht vorgestellt. Sind nicht Universitäten jene Orte, an denen auch zutiefst kontroverse Standpunkte auf den Tisch kommen müssen, sollen und dürfen?

Wäre es nicht so, dann gäbe es wohl die Weise Rose nicht, die Erde wäre immer noch eine Scheibe, wir hätten niemals Penicillin erfunden und keine Ahnung vom Humboldtschen Geist.

Der Beitrag erschien zuerst auf Monika Ebelings Blog „Geschlechter-Demokratie“

Ähnliche Beiträge

  • Extremistisch? Populistisch?

    Wenn Etiketten die Bewertung beeinflussen Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org Im deutschen politischen Diskurs ist es an der Tagesordnung, die Position des politischen Gegners oder den politischen Gegner gleich selbst als extremistisch oder populistisch zu bezeichnen. So schreibt die Badische Zeitung von der Rückkehr des “Populisten Guttenberg”, die Zeit weiß, dass Putin ein “nationaler Populist” ist, und Spiegel-Online kennt den Schweizer Populisten Christoph Blocher. Populismus werfen…

  • Propagandistischer Einheitsbrei

    Manchmal verrät sich die Systempresse. Drei Zeitungen, ein Bild. Drei Zeitungen, ein Bild. Drei Zeitungen, die in ihrer Selbstbeschreibung unterschiedlicher nicht sein könnten: die TAZ, die FAZ, die Süddeutsche. Drei Zeitungen, die vorgeben, ein breites Spektrum an Meinungen zu repräsentieren. Linksaußen, liberal-konservativ, gemäßigt links. Ich weiß nicht, ob es Ihnen auch aufgefallen ist: Alle drei titelten mit einem identischen Foto. Klar, es handelt sich um…

  • Frauen – Opfer der Gesellschaft?

    Wir alle haben es längst internalisiert: Frauen sind das diskriminierte, das benachteiligte, das unterdrückte Geschlecht. In der Berufswelt, in der Familie, in der Partnerschaft und nicht zuletzt in der Sprache: Frauen sind das Opfer patriarchaler Strukturen. Seit bald zwei Generationen wird die Öffentlichkeit mit diesem Dogma bearbeitet. Trotzdem ist das Gegenteil wahr. Daran ändert auch die mantraartige Wiederholung falscher Behauptungen nichts. Frauen sind in den…

  • Homophobie! Wie krank ist das denn?

    Beginnen wir mit etwas Lustigem. Ich bin ein Freund von ‚Schotts Sammelsurium‘ und gehöre tatsächlich zu denen, die das Buch von vorne bis hinten durchgelesen haben. Es ist einfach zu komisch. Ich weiß nicht genau, worin da der Witz liegt, aber das heillose Nebeneinander hat mich immer wieder zum Lachen gebracht: Da stehen meldepflichtige Krankheiten neben Todesarten burmesischer Könige; da gibt es Listen von Schutzheiligen,…

  • Das Dritte Reich: Die Unterdrückung der Bevölkerung war gar nicht notwendig

    Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org Die Frage, wie die Nationalsozialisten an “die Macht” kommen konnten und wie sie sich an “der Macht” halten konnten, hat Historiker über die letzten Jahrzehnte immer wieder entzweit. Im Hinblick auf die zweite Frage hat sich zeitweise die Meinung durchgesetzt, dass es der NSDAP durch Terror und Zwang – ausgeübt u.a. von Gestapo und Sondergerichten – gelang, die Bevölkerung in Deutschland gefügig…

  • Paternalismus: Wir lassen uns nicht herumschubsen

    Der Libertäre Paternalismus will Menschen zu sozialgefälligen Entscheidungen anleiten. Für Sean Collins zeigt sich in der „Anschubs-Theorie“ das pessimistische Menschenbild einer Elite, die sich die Bewältigung der eigentlich wichtigen gesellschaftlichen Aufgaben nicht mehr zutraut. Als das Buch Nudge [sinngemäß: anschubsen]: Wie man kluge Entscheidungen anstößt [1] im Jahre 2008 im Original erschien, schien es, als handle es sich um einen jener kurzlebigen Bestseller wie Freakonomics…