Double Bind im Kontext psychischer Männergesundheit

Diese zwei widersprüchlichen, aber beharrlichen Botschaften können der seelischen Gesundheit von Männern schaden.

In der vergangenen Woche fand in Kanada ein alljährliches Ereignis statt. Es war die  „Mens‘ Mental Health Week“, die sich der seelischen Männergesundheit widmete. Sie wurde von Senator Bob Dole initiiert, um die seelische Gesundheit von Männern in den Blickpunkt zu rücken – ein gern übersehenes Thema, das vielen Gesundheitsexperten nach wie vor ein großes Anliegen ist. 

Ein Thema, das dringender Diskussion bedarf, ist etwas, das ich als „Double Bind der psychischen Männergesundheit“ bezeichne. „Double Bind“ bedeutet hierbei so viel wie „Zwickmühle“.

Double Bind

„Double Bind“ beschreibt ein einfaches, psychologisches Konzept, bei dem an eine einzelne Person oder an eine Gruppe regelmäßig und insistierend zwei sich widersprechende Botschaften gerichtet werden. Dabei negiert die eine Botschaft die andere.

Nehmen wir an, ein Elternteil sagt einem Kind ständig „Du solltest mir mehr körperliche Zuneigung zeigen“. Doch wenn das Kind körperlichen Kontakt sucht, reagiert der Elternteil auf negative Weise. Eine solche Situation führt zu einem klassischen Double Bind.

Double Binds sind auf der logischen Ebene unmöglich aufzulösen. Auf diese Weise können sie emotionalen Stress und kognitive Verwirrung auf der Empfängerseite verursachen. Entsprechend zeigen auch einige wissenschaftliche Untersuchungen, dass Double Binds auf anfällige Personen eine schädliche Wirkung haben können.

Männer, bitte redet mehr!

Im Zusammenhang mit psychischen Problemen zeigen Männer erhöhte Raten bei Selbstmord und Suchtmittelkonsum. Gleichzeitig sind sie jedoch seltener in entsprechender Behandlung und tendieren eher dazu, ihre Probleme zu verdrängen. Einige Wissenschaftler sprechen darum von einer stillen Krise der seelischen Männergesundheit.

Darum senden Gesundheitsorganisationen und hochkarätige Persönlichkeiten eine dringliche Botschaft: Männer müssen mehr über ihre psychische Gesundheit sprechen.

Sogar königliche Kreise unterstützen diesen Aufruf. So betonte seine Königliche Hoheit Prinz William in einer kürzlichen Dokumentation, man müsse Männern überall die Botschaft vermitteln, dass es „in Ordnung ist, über seelische Probleme und unsere Gefühle zu sprechen“.

Schöne Worte – in der Tat.

Männer, bitte haltet den Mund!

Allerdings senden andere Personen und Organisationen eine vollkommen andere Botschaft – nämlich, dass Männer als Gruppe gefälligst still sein und „ihre Privilegien prüfen“ sollten („check your privilege“). Ironisch drückte es der Bloomberg Journalist Ramesh Ponnuru aus: „Deine Privilegien zu prüfen, bedeutet: halt den Mund“.

Solche Botschaften sind überall im Internet zu finden, stets mit dem Appell an Männer, den Mund zu halten und nicht zu jammern. Wohlgemerkt kommen solche Aufforderungen sowohl von Männern als auch von Frauen und Männer erhalten vielerlei ähnliche Kommentare in persönlichen Situationen – selbst von Arbeitgebern und Personen, die ihnen nahe stehen.

Tatsächlich gehen solche Sichtweisen von hohen Stellen aus, wie etwa dem US Senat. So sagte kürzlich die Hawaiianische Senatorin Mazie Hirono: „Ich möchte den Männern in diesem Land nur folgendes sagen: Haltet einfach die Klappe und macht einen Schritt nach vorn. Tut das richtige für einen Wandel“ . Für manche ist männliches Schweigen ein Zeichen moralischer Rechtschaffenheit.

Im Hinblick auf die seelische Gesundheit von Männern erzeugt diese Situation ein Double Bind. Einerseits erzählt man Männern, dass sie mehr reden und sich öffnen sollen. Andererseits jedoch werden Männer aufgefordert, ihre Privilegien zu prüfen und still zu sein. Das kann nur kognitiven und emotionalen Stress verursachen. 

Interessant ist, dass das Phänomen des Double Bind sich auch jenseits der USA manifestiert. Um seine globale Natur aufzuzeigen werden nachfolgend Beispiele aus Großbritannien und Kanada erläutert.

Gruppen für Männeranliegen

Zahlreiche Gruppierungen haben versucht, Debatten zu organisieren, welche die psychische Gesundheit von Männern betreffen. Mitunter werden sie mit Feindseligkeit konfrontiert.

Beispielsweise organisierten männliche und weibliche Studenten an der kanadischen Ryerson Universität eine Gruppe für Männeranliegen. Dieser Gruppe wurde von der Studentenvereinigung der Universität bei zahlreichen Anlässen die offizielle Anerkennung verweigert. Zudem wurden Mitglieder der Gruppe von Campus-Aktivisten stigmatisiert und beleidigt, wie in dem unten stehenden TV-Bericht der CBC zu sehen ist.

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Ebenso luden andere Gruppen namhafte Wissenschaftler und Experten für psychische Gesundheit als Gastredner ein – mit unvorhergesehenen Folgen. So gibt es zum Beispiel an der Universität Toronto die „Men’s Issues Society“. Diese lud Dr. Warren Farrell ein, um über Themen zur psychischen Männergesundheit zu sprechen. Doch Demonstranten versuchten, seinen Vortrag mit Gewalt und Vandalismus zu verhindern.

Es entspricht zwar einer allgemeinen, sozialen Botschaft, Männer zum Reden zu ermutigen. Dennoch erfahren Männer real häufig Situationen, in denen sie implizit aufgefordert werden, den Mund zu halten, ihre Privilegien zu prüfen und eben weniger zu reden. Diese Form des Double Bind kann man insbesondere an Universitäten beobachten.   

Die männerpsychologische Gruppe in der britischen Psychologenvereinigung

Vor Kurzem bildeten mehrere britische Psychologen eine Gruppe zur Männerpsychologie. Diese bietet öffentliche Vorträge, eine Webseite, einen Newsletter und einen sozialen Raum, in dem Themen rund um die seelische Gesundheit von Männern diskutiert werden können (übrigens bin ich selbst Mitglied dieser Gruppe). 

Als die Gruppe wuchs, beantragte ihre Leitung die Anerkennung als offizieller Teil der britischen Psychologenvereinigung (BPS), was eine Abstimmung unter allen Mitgliedern der BPS voraussetzte.

Bizarrerweise stellte sich dem Antrag eine organisierte Gruppe entgegen, deren Name sehr aussagekräftig erscheint: „Nein zur Männerpsychologie“ (no to male psychology). Diese Gruppe warb dafür, bei der Abstimmung mit Nein zu stimmen. Bei der anschließenden Abstimmung stimmten mehr als 4000 BPS-Mitglieder ab, wobei zwei Drittel für den Antrag stimmten. Natürlich war das ein gutes Ergebnis, aber es ist nicht zu übersehen, dass 30 Prozent derjenigen, die sich an der Wahl beteiligt hatten, keine Sektion für Männer in der BPS haben wollten.

In unverdrossener Weise wird die nunmehr anerkannte Sektion für Männerpsychologie in der BPS zusehends stärker und gegen Ende dieses Monats wird es eine Konferenz über seelische Männergesundheit in London geben. Zu den Hauptrednern zählen die britische Ministerin für psychische Gesundheit und Suizidprävention Jackie Doyle-Price sowie Martin Daubney – designierter Abgeordneter im Europaparlament.

Glücklicherweise gibt es immer noch einige einflussreiche Menschen, die Gesprächsbereitschaft und Interesse zeigen, wenn es um die psychische Gesundheit von Männern geht.

Der Weg in die Zukunft

In einer freien Gesellschaft steht jedem das Recht zu, seine Meinung zu äußern. Das gilt auch dann, wenn solche Ansichten stigmatisierend sind – wie wir es bei Themen rund um die psychische Gesundheit von Männern erleben.

Allerdings müssen jene, die sich im Gesundheitsbereich engagieren, sich im Klaren darüber sein, dass die hier beschriebenen Double-Bind-Botschaften schlimme Folgen für anfällige Männer haben können.

Zwar kann man Männern sagen, sie müssten einfach mehr reden. Doch das wird nur eine geringe Wirkung haben, wenn gleichzeitig bedeutende Stimmen Männer dazu auffordern, weniger zu reden und erst einmal ihre Privilegien zu prüfen. Es gilt, diese Double-Bind-Botschaften als entscheidenden sozialen Einflussfaktor für die psychische Gesundheit von Männern zu erkennen. 

Im Rahmen einer Strategie zur Förderung der psychischen Gesundheit von Männern sollte diese Double-Bind-Problematik adressiert werden. Darum müssen Gesundheitsfürsprecher auch eine intensive Debatte mit jenen Leuten führen, die Männer vom Reden abhalten.

Andernfalls werden die gut gemeinten Mahnrufe von Prinz William und anderen zu hohlen Phrasen.

Wir können nicht beides haben.

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Der Beitrag erschien zuerst bei „Psychology Today″ – übersetzt aus dem Englischen von Kevin Fuchs

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