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Demokratie ist Kunst – Partizipation als soziale Plastik

Wie ich durch Joseph Beuys eine neue Beziehung zum Demokratiebegriff erhielt

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Demokratie? Ganz früher war das ein Wort, das mir bestenfalls zum Gähnen Anlaß bot. Eines der vielen langweiligen, leblosen Worte, wie Tarifvertrag, Gewerkschaftsversammlung, Parteiausschuß und andere, bei denen mir auch jetzt noch ganz staubig zu Mute wird und gleichsam die Augen zufallen, wenn der Nachrichtensprecher sie sagt. Aber mit dem Demokratiebegriff wurde es irgendwann anders.

Auf einmal verwandelte er sich in einen solchen, bei dem ich freudig erregt wurde, in ein Lauschen oder Aufmerken geriet, der mir also etwas sagte, statt ein staubiges Gefühl zwischen den Zähnen zu hinterlassen. Wie war das geschehen?

Schuld an dieser Verwandlung, an dieser neuen Aufladung des Demokratiebegriffs, war Joseph Beuys. Nun ist auch das schon wieder recht lang her, sodaß ich ein wenig innerlich, und auch äußerlich, nachkramen muß. Die Beschäftigung mit Joseph Beuys geschah in einer Lebensphase, in der vieles sich erneuerte und in der ich mir die Kunst zu eigen zu machen begann, und sie war eine Offenbarung. Alles, was Beuys benutzte, ob eine Taschenlampe oder ein Begriff, erfuhr eine neue Aufladung, wurde in einen neuen, ungewohnten Bedeutungszusammenhang gesetzt, mit einer neuen Tiefe verbunden. Einem Zusammenhang, der mir neue Erkenntnisse bescherte, zugleich aber die nicht völlig rational aufzulösende Aura der Kunst, beziehungsweise des Lebendigen trug. Ähnlich wie es übrigens Heidegger in Bezug auf die Sprache getan hat. Auch bei ihm erfuhren viele ganz alltägliche Worte gleichsam eine innere Neugeburt, durch neues und erst wirkliches Verstehen.

Bei Beuys nun begegnete mir der Demokratiebegriff nicht im Zusammenhang mit Tarifverträgen und Parteiausschüssen, sondern mit Begriffen wie dem Sonnenstaat, der Wärmefähre und der Sozialen Plastik. Begriffe die, wie auch viele Gegenstände in seinen Aktionen, ein Geheimnis, einen Zauber um sich hatten, die auf den ersten Blick ziemlich verrückt waren, daher eine von mir sehr erwünschte Abfuhren darstellten gegenüber dem grauen und ach so vernünftigen Gewebe der Kultur und ihrer hohlen Worte, die aber dennoch mit dem Denken zu erfassen waren, wenn auch mit einem Denken mit erweitertem Radius. Ja, die im Grunde mit dem Denken viel besser zu erfassen waren, als die Pseudovernunft, in der wir uns vielfach eingerichtet haben.

Ich lernte die Demokratie also im Zusammenhang mit der Kunst kennen (erster Schritt). Kunst versteht Beuys ja gewissermaßen als angewandte Kreativität und bezieht dies auf alle Ebenen des menschlichen Daseins. Und das, also das kreative, künstlerische Vermögen des Menschen ist bei ihm übrigens das Kapital. Noch so ein Begriff, den er neu und sachgemäß definiert hat; der „Beuyssche Kapitalbegriff“. Die Demokratie rückte also durch die Beschäftigung mit Beuys in den Bereich der Kunst ein. Kunst ist für ihn freie Gestaltung. Die kann man erstmal im eigenen Leben und Schaffen verortet sehen.

Der zweite Schritt war für ihn die Kunstakademie, an der er lehrte. Er fragte sich, wenn sie die Kunst und damit die freie eigene Gestaltung vertritt, warum kann sie sich dann nicht ihre Statuten selbst geben, sondern wird von staatlichen Vorgaben reguliert? Er erlebte darin einen Widerspruch zum Prinzip, das diese vertrat. Dies führte dann ja zu gewissen Maßnahmen seinerseits und das wiederum zu seinem Rauswurf durch den damaligen Kultusminister Nordrhein-Westfalens, Johannes Rau. Die Kunst und das heißt die freie (Selbst)-Gestaltung war für ihn das Zentrum seines Kulturverständnisses für die Gegenwart. Er sah darin die zentrale Forderung, von deren Erfüllung die weitere Entwicklung der Menschheit abhing. Darin konnte und kann ich ihm folgen, sodaß ich mir seine Denkungsart völlig zu eigen machen konnte.

Der nächste Schritt nach der Kunstakademie war die Gesellschaft insgesamt. Wie konnte das Kunstprinzip sich in ihr Geltung verschaffen? Seine Antwort war die Demokratie. Sie war ihm das Mittel, durch das die freie Selbstgestaltung, mithin die Kunst in einem erweiterten Sinne, auf der gesellschaftlichen Ebene verwirklicht werden könnte. Allerdings sah er von Anfang an die repräsentative Demokratie als ein hierfür ungenügendes Mittel an, bestenfalls als einen demokratischen Anfang, der weitereintwickelt werden müsse. Heute ist es im Übrigen so, daß dieser demokratische Anfang, der mit gutem Willen nach dem ersten und  nach dem zweiten Weltkrieg getan wurde, zurückentwickelt wird, statt weiterentwickelt zu werden. Siehe hierzu den zweiten Teil meines Beitrags.

Erst die direkte Demokratie, bei der die Menschen über konkrete Fragen abstimmen könnten, würde die Gesellschaft auf den Weg zur „Sozialen Plastik“ bringen können.  So hieß bei ihm das Kunstwerk, das aus der Gesellschaft werden könnte, wenn im größtmöglichen Maße, und da wo sie am Platze ist, die Freiheit verwirklicht würde. Die gesamte in diesem Sinne gestaltete Menschheit wäre dann der Sonnenstaat.

Das Hochutopistische, aber ganz konkret Gemeinte, Idealistische, auf das Gute und Freie im Menschen Bauende, das ein wenig Verrückte und durchaus Humoristische, das Rationale und zugleich geheimnisvoll-Künstlerische an diesem Beuysschen Denken war der Beginn meiner neuen und positiven Beziehung zum Demokratiebegriff. Seitdem ist die Demokratie ein Begriff und ein Wert, der mich inspiriert und für den ich eintrete. 

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