Wenn man politischen Gegnern das Menschsein abspricht

Jemand schreibt einen unverzeihlichen Blödsinn und erhält dann auch noch Publicity. Da muss man nicht mitmachen. Lassen wir also Namen beiseite und konzentrieren wir uns auf Fakten. Und nein, ich meine nicht Sarrazin, dessen Bücher und Thesen mir ziemlich gleichgültig sind. Aber er hat den Anlass geliefert.

Eine Journalistin schreibt u. a. Kolumnen bei der FR und bei der „Berliner Zeitung“. Seit 2005 arbeitet die 1976 in Sulingen als Tochter kurdisch-türkischer Migranten geborene Frau als Autorin und freie Journalistin in Berlin. Sie hat als jemand, die Migrations- und Integrationspolitik als ihr zentrales Arbeitsthema versteht, wie nicht anders zu erwarten, Stipendien und Preise bekommen – sie betreut also ein korrektes Thema, mit dem man ein Liebling der Mainstreammedien wird.

Ich kannte sie bisher kaum; ein nicht uninteressanter Vortrag beim Goethe-Institut, der 2008 in der „Welt“ erschien, ist mir damals aufgefallen („Deutsche sollten zu ihrer Nationalkultur stehen“ [1]), weil er sehr lebhaft und humorvoll von der Sicht türkischer Migranten auf deutsche Eigenschaften erzählte.

Jetzt hat sie folgendes in der Berliner Zeitung veröffentlicht:

„Unbedingt müsste man auch Günther Jauchs von Herzen gut gemeinte Werbemaßnahme für Sarrazins neues Buch erwähnen und die Verplemperung unserer Fernsehgebühren für diese lispelnde, stotternde, zuckende Menschenkarikatur, die Sonntagabend in Ruhe das tun darf, was er am besten kann; das niedrigste im Menschen anzusprechen. Ich meine Sarrazin.“

Ich frage mich (und jetzt muss ich spekulieren), ob eine solche Entgleisung ein Ausrutscher ist oder doch eine faschistische Kernüberzeugung freilegt, über deren Herkunft man nachdenken kann. Ist das jetzt die Anpassung der voll integrierten Migrantin an angebliche dumpf-deutsche Urüberzeugungen? Oder kommt da die Erziehung durch treue Kemalisten spät noch zum Ausdruck, die einen Atatürk, der mit Mussolini, Salazar und Franco in einem Atemzug genannt werden muss, für ein politisches Vorbild halten?

Oder ist sie innerlich weit weniger säkular als äußerlich? Unsere Journalistin hält nämlich die Salafisten (aber auch alle anderen Religionen, die sie allerdings mit dem Salafismus in einen Topf wirft) für weniger gefährlich als die Lebensmittelindustrie und das Bankenwesen. Und das dürfte in der ansonsten satirisch gemeinten FR-Kolumne namens „Liebe Salachristen!“ ernst gemeint gewesen sein.

Noch ein Faktum: Der Artikel zu Jauch und Sarrazin ist mittlerweile vom Netz. War das schon alles? Mir fällt dazu eigentlich nur ein, was die Sulingerin selbst in einem Beitrag [2] über die Webplattform „Politically Incorrect“ geschrieben hat, in dem sie sich über gegen sie dort platzierte vermeintliche und tatsächliche Verbalinjurien beschwerte. Die Überschrift ihres Artikels lautete: „Vulgär, enthemmt, rassistisch“. Das ist ihre Aussage, mit der sie Sarrazin das Menschsein abspricht, auch. Sie geht damit noch über die Unsäglichkeiten von PI hinaus. Das darf eigentlich nicht ohne weitere Konsequenzen bleiben.

Das denke ich, aber… Alle sind gleich, einige aber sind gleicher als die anderen. Kommt es in diesem Fall zu einer Empörung in den Mainstreammedien – und sei sie auch nur rituell? Keine Spur. Fehlanzeige. Totschweigen ist auch eine Strategie. Warum wird sie in diesem Fall gewählt (ich rede nicht vom Netz)? Ist sie hier gerechtfertigt? Wohin mag die öffentliche Diskussionskultur in Deutschland steuern? Sie scheint mir von allem gesteuert, nur nicht von Sachlichkeit.

 [1] Deutsche sollten zu ihrer Nationalkultur stehen, Die Welt

 [2] Vulgär, enthemmt, rassistisch,  Berliner Zeitung

Bildnachweis: Thilo Sarrazin

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