Opfer-Abo

Opferverliebte Journalistinnen – Unterwerfung, die sich genießen lässt

Wer reißt sich schon um den Job bei der Müllabfuhr oder den Fernfahrern, wenn er über die Option einer Philosophieprofessur verfügt. Dass das eine leichter als das andere zu haben ist, stellt niemand in Frage.

Opfer-Abo

Da die Akademikerquote von Frauen aber nicht geringer als die von Männern ist, kommt es offenbar darauf an, was sie daraus machen. Und sie machen anderes daraus als Männer. Sie wählen, was ihnen Spaß macht und meiden, wo der Spaß für sie aufhört.

Das belegt die Statistik und das ist das gute Recht auch aller Frauen. Unterm Strich befindet es allerdings darüber, wie die Berufs- und Einkommensverteilung verläuft. Gerade wortgewaltige Frauen in der Bloggerszene denken nicht gerne darüber nach, ob zwischen Erfolgen, die erreicht werden, und denen, die ausbleiben, ein Zusammenhang besteht. Einer, der in den Personen selber liegt und nicht bei ominösen Mächten. Angefangen bei simplen Alltagsweisheiten wie: ohne Fleiß kein Preis, bis hin zu komplexeren Verkettungen, die letzlich zum Erfolg befähigen.

frauenquoten-quotenfrauen-l-4565723trc972b49Gerade wortgewaltige Journalistinnen bevorzugen eine einzige Erklärung, wenn die Wunscherfüllung von Frauen ausbleibt, zu lange währt, zu anstrengend ist, Rückschläge und Frustration mit sich bringt, oder dass Gehalt den Erwartungen nicht entspricht: Diskriminierung à la Sexismus! Aus diesem Grund gäbe es auch zu wenige Professorinnen in der Philosophie. Kaum kommt eigenes Verhalten von gescheiterten Frauen dabei ins Spiel. Das soll gewährleisten, dass in keinem Fall die Dynamik in den Blick gerät, die Wechselwirkungen zwischen persönlichem Verhalten und äußeren Umstanden aufdeckt.

Die verleugnete Wechselwirkung nimmt dadurch beinahe Tabucharakter an. Denn würden Wechselbeziehungen ins Auge gefasst, dann würde Erfolg wie Misserfolg auch in die eigene Zuständigkeit von Frauen fallen. Vorbei wäre es damit, den bösen Buben Schuld für die Misserfolge von Frauen anzuhängen. Wurden jüngst die fehlenden Frauen in Vorständen beklagt, so sind es jetzt die fehlenden Philosophieprofessorinnen. Morgen werden es andere begehrte Berufe sein.

Um die komplexen Wechselwirkung auch für Professorinnen dem Blick zu entziehen, hat S. Anderl in der FAZ einen übergreifenden Mechanismus der weiblichen Erfolglosigkeit festzulegen versucht. Sie meint, dass es angesichts der „bösen Buben“ dazu komme, “dass Mitglieder einer sozialen Gruppe mit negativem Stereotyp – eben Frauen – in bestimmten Situationen weniger leistungsfähig sind, da ihr Wissen über bestehende Vorurteile ihr eigenes Verhalten im Sinne einer selbsterfüllenden Prophezeiung negativ beeinflusst.“

Die Festlegung ist eindeutig. Weil Männer von Frauen nichts halten, ziehen Frauen es vor, so zu werden, wie vor allem die Männer glauben, dass sie es eh nur sein können. Obwohl Frauen wissen, dass sie anders sein können und anders sind, so verzichten sie darauf, trotzig, zielstrebig, selbstbewusst und kämpferisch dem Vorurteil sich entgegenzustellen. Mit dem Hinweis auf eine self-fulfilling prophecy wird von S. Anderl der Vollständigkeit halber noch ein Korken der Flasche aufgedrückt, der verhindert, dass der emanzipatorische Geist überhaupt entweichen kann. Das unterstellt, dass Frauen zu nichts anderem fähig seien als zur Identifikation mit dem Angreifer.

Vor mehr als 25 Jahren hat die feministische Psychoanalytikerin, Margarete Mitscherlich, diese vermeintliche Unbedarftheit den Frauen bereits angetragen. Sie wollte sie damit von Verantwortung für die Gräuel im Nationalsozialismus befreien. Jetzt wird der Mechanismus der Identifikation mit dem Angreifer dazu verwendet, das Scheitern von Frauen in Hochleistungsberufen von ihren persönlichen Motiven zu entkoppeln.

Wer die Welt so erlebt, wird irgendwann von der eigenen Passivität erschlagen. Denn kein Naturgesetz und keine Unabdingbarkeit zwingt Frauen in den Opferstatus. Diesen sich zu eigen zu machen, beruht auf dem Entschluss, sich mit ihm zu identifizieren und Widerstand gegen die Zuschreibung zu unterlassen. Es ist eine Entscheidung und kein zugeschlagendes Schicksal. Die Opferverliebtheit, die aus dieser Identifikation über die Jahre bei manchen Frauen hervorgegangen ist, wird von Frauen gefördert, die wortaktiv sind, aber passiv im Sozialen. Während die Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung leistungsorientiert ist, sind sie beschwerdeorientiert. Dieses Lamentieren hat Katharina Rutschky als Beschwerdekultur benannt und dem akademischen Milieu als Besonderheit zugewiesen. Es weist Ähnlichkeiten mit sozial privilegierten Frauen auf, die aus Erfahrung wissen, dass mit Schuld auslösenden Beschwerden bei Männern fast alles sich erreichen lässt, was andere nur durch Arbeit in ihren Besitz zu bringen vermögen.

Das Lamentieren will seit einiger Zeit schon den Hochleistungsbereich der Wissenschaften erobern. Die Arbeit der anderen, in dem Fall von Wissenschaftlern, soll über sprachästhetisch drapierte Schuldzuweisungen enteignet werden, denn Erfolg durch Leistungswettbewerb wird gerade nicht favorisiert. Diesen Mechanismus als Frau zu bedienen, setzt voraus, den Opferstatus, nämlich nicht erfolgreich nach eigenen Wünschen zu sein, mit einer gewissen Verliebtheit zu pflegen.

Das jetzt eine der besten Tageszeitungen dem schöngeistigen Chor der benachteiligt sich Wähnenden die Tore zur Beschwerde öffnet, setzt sie dem Verdacht aus, als wolle sie die Mentalität von Wellness als Realitätsprinzip für Frauen einführen. So als würde gesellschaftliche und persönliche Produktivität nicht mehr von Leistung, sondern vom Prinzip der Wunschökonomie beherrscht. Und so lässt sich beobachten, dass drei Jahrzehnte weiblicher Opferideologie wie korrespondierender Misandrie nicht nur eine polarisierte Weltsicht hervorgebracht haben. Die Errichtung des Opferstatus schlägt diese Frauen vielmehr mit den Waffen, zu denen sie selber gegriffen haben. Die bekennenden, klammheimlichen wie peinlich berührten Anhängerinnen der Opferverliebtheit bringen es nicht weiter als zur voll entfalteten Leidenschaft, die weibliche Passivität als gutes Recht einzuklagen. Sie gebären Forderungen ohne Grenzen. Ihre Hyperaktivität beschränkt sich darauf, weibliche Passivität zu kultivieren, der der Ruf nach einer erlösenden Macht sodann folgt.

Aktivität als Befreiendes und Widerstand gegen Zuschreibungen scheint im Kreis der Opferverliebten – allein von denen ist die Rede – sich niemand so recht vorstellen zu wollen. Sie wollen nicht anders sein, als sie von Übelwollenden gesehen werden. So kommt es dazu, dass sie letztlich sogar das Stereotyp ein Stück weit genießen können. Denn sie werden denen vergleichbar, die wirklich krank sind, und die darauf hoffen, dass ihnen der sekundäre Krankheitsgewinn eingeräumt wird, nämlich Nachsicht, Freistellung von Erwartungen und noch mehr Fürsorge als sonst üblich. Die Passivitätswünsche opferverliebter Frauen, die nicht krank sind, sondern freiwillig mit dem Angreifer identifiziert, werden erfüllt. Und das schließt Erfolg ohne volle Leistung ein. Es gibt deshalb keinen Grund, warum sie diesen Weg verlassen sollten, denn der intellektualisierende Masochismus beschert ihnen an Gratifikationen, was sie sich wünschen. Sie genießen den doppelten, nämlich den narzisstischen wie den materiellen Gewinn, der ihnen aus dem Opferstatus und der Nachsicht zufließt. Das ist die Quelle ihrer Leidenschaft, die sie zur Identifikation mit dem Angreifer treibt. Frauen, die sich außerhalb dieser Beschwerdekultur bewegen, verzichten auf die Kultivierung des Marterpfahls.

Die FAZ Bloggerin S. Anderl hat deshalb eine verblüffende Erklärung für das Problem, dass es an Professorinnen in der Philosophie fehle: Weil Philosophie mehrheitlich von Männern betrieben wird, die weiß sind, heterosexuell und nicht behindert, deshalb haben Frauen nur begrenzte Chancen zum Aufstieg. Die Lösung folgt sogleich auf den Fuß. Mehr Frauen würden nach dieser Logik zu Professoren ernannt, wenn Männer in der Philosophie schwarz wären, homosexuell verkehrten und im Rollstuhl daherkämen. Was ist eigenartiger an diesem Konzept? Dass Frauen solange nicht erfolgreich sein können, solange sie Männer nicht „kastriert und behindert“ haben? Was zu tun wäre, liegt dann in der Hand der Frauen selber. Oder dass Frauen von „Behinderten und Minderheiten“ umgeben sein müssen, damit sie sich nicht bedroht fühlen? Oder, dass erfolgreiche Frauen in der Philosophie keine Erwähnung finden?
 
FAZ: Der Aufschrei der Philosophinnen

Ähnliche Beiträge

  • Vereinsnarzissmus – Prinzip einer selbstgesetzten Gefangenschaft

    Unsere Gegenwart ist geprägt von der Dominanz der Rationalität, der Technisierung und gleichzeitig von einer Krise des Geistes, somit des Subjektes, mit welcher der Einzelne nicht zurecht kommt. Sein einziger Ausweg scheint ihm daher der (vereins)narzisstische Konstruktivismus, eine kollektiv bzw. vereinsmäßig geschaffene Realität wie z.B. dem Genderismus, zu sein, die aber häufig eine künstliche Wirklichkeit darstellt. In Anlehnung an Odo Marquards Habilitationsschrift „Psychoanalyse als Fortsetzung…

  • Ohne Kapitalismus kein Respekt

    – zuerst erschienen auf Sciencefiles.org Derzeit ist es en vogue, sich vom Kapitalismus zu distanzieren. “Die Krise heißt Kapitalismus” titelt die “Gruppe soziale Kämpfe” deren Ziel darin besteht, Re-Kommunalisierung und Verstaatlichung durchzusetzen, also Sozialismus einzuführen. Eine andere Sektion der so genannten “Occupy Bewegung” ist gar der Ansicht “Echte Demokratie – das geht nur ohne Kapitalismus” und ein weiterer Blick zeigt, dass  auch hier die “echte…

  • |

    Rezension: Verachtung nach unten (Alexander Wendt)

    Rezension: Verachtung nach unten von Alexander Wendt Wie eine Moralelite die Bürgergesellschaft bedroht und wie wir sie verteidigen können. Eine Rezension von Michael Mansion Was sich im Titel fast wie eine Gebrauchsanweisung für den Umgang mit der aktuellen Gesellschaftlichkeit anhört, ist unter dem Strich der bemerkenswerte Versuch, zunächst einmal die begrifflichen Kategorien unter die Lupe zu nehmen, die zunehmender Beliebigkeit, fernab jeglicher inhaltlichen Substanz zum…

  • Den Begriffen ihre eigentliche Bedeutung zurückgeben

    Neulich hatte ich in einem Café ein interessantes Gespräch mit einem jungen Mann. Er las die FAZ. Ich sagte ihm, dass ich die gleichgeschalteten deutschen Leitmedien wie die FAZ seit 15 Jahren nicht mehr lese. Der junge Mann war schockiert und verstand meine Äußerung nicht. Er sagte, dass es doch unterschiedliche Zeitungen wie die taz, die FAZ oder die Welt gibt, die jeweils unterschiedliche Positionen…

  • Pirinçci-Debatte: Jedes Wunder dauert nur drei Tage

    16. Mai 2014 von Prof. Adorján F. Kovács Wie der Ablauf in einem auf Sensationen getrimmten Medienzirkus nun einmal so ist, wird es um Akif Pirinçcis Buch „Deutschland von Sinnen“ langsam ruhiger. Dies kann man auch der Webseite entnehmen, die dem Buch selbst gewidmet ist (die 200 Zuhörer bei der Bonner Autorenlesung waren vielleicht auch nicht der erwartete Andrang). Es lief insgesamt wieder einmal so…

  • Inkompetenz bewahrt vor Zweifel

    Wer inkompetent ist, merkt nichts (mehr). Zuerst erschienen auf Sciencefiles.org Warum fehlt manchen Menschen die Einsicht, dass die Positionen, die sie vertreten, nicht haltbar sind? Warum behaupten Politiker vollmundig Dinge, von denen sie nachweislich keine Ahnung haben oder sogar wissen, dass sie falsch sind? Warum beforschen Wissenschaftler weiterhin Forschungsgegenstände, die als irrelevant oder falsch erwiesen sind? Warum lassen sich manche Zeitgenossen auch mit noch so…