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Die Innenwelt

Nun werden auch Männer als „Professorinnen“ bezeichnet. Jedenfalls an der Universität Leipzig. Das hat einigen Wirbel ausgelöst. Deshalb wird ein Projekt gestartet, das die Sprachregelung mit der umstrittenen „-innen“-Form und die aufgeregte Resonanz, die es ausgelöst hat, wissenschaftlich aufarbeiten möchte.

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Dazu möchte ich meinerseits einen kleinen, unaufgeregten Beitrag leisten. Dabei geht es obendrein um Tennis, um Backrezepte und um gutes Verallgemeinern und schlechtes Verallgemeinern.

„Man darf das nicht verallgemeinern!“

So einen Vorwurf kriege ich gelegentlich zu hören; er wird reflexartig erhoben, wenn ich mich über „die Frauen“ oder die kleingeschriebene „frau“ äußere. Kein Wunder; denn „die Frauen“ und die kleingeschriebene „frau“ sind bereits Verallgemeinerungen. Wie soll ich darüber reden? Es kommt sofort der verständliche Einwand: „Es sind aber nicht alle so.“ Also darf ich das so nicht sagen. Aber wie? Habe ich da ein Problem? Ja.

Es hat sich nämlich ein Wandel vollzogen in der Art und Weise, wie wir mit Verallgemeinerungen umgehen. Früher haben wir noch unbefangen von „Frauen“ und „Männern“ gesprochen, von „Bayern“ und „Preußen“. Wir wussten sehr wohl, dass jeder Plural; ja, dass jedwede Zusammenfassung zu einer noch so bescheidenen Menge immer eine gewisse Pauschalisierung mit sich bringt. Bisher war das kein Problem. Heute schon. Denn das Typische ist zum Totalen geworden. Um das zu erklären, will ich kurz auf die 90er Jahre zurückblicken, als sich die Gehirnwäsche durch den Sprachfeminismus ausbreitete. Damals hatten wir noch einen Helden: Boris Becker. BuchLassahn-701gsz 

Er bescherte uns eine Begeisterung für Tennis und einen neuen terminus technicus: den Doppelfehler. Ein Doppelfehler der etwas anderen Art – nicht etwa in Sport und Spiel, sondern im Denken und Sprechen – finden wir beim Sprachfeminismus, der die Verallgemeinerung in ein trübes Licht taucht und es schwer macht, vom Allgemeinen und Besonderen zu reden. Die unscheinbare, aber hochgiftige „-innen“-Form, die das Herzstück der sprachfeministischen Offensive bildet (also eine Formulierung wie „Wählerinnen und Wähler“), ist so ein Doppelfehler. Er vollzieht erstens eine falsche Trennung: Es gibt in Wirklichkeit nur eine Menge und nicht zwei, es gibt auch keinen Grund für eine Trennung. Und er bringt zweitens eine falsche – nämlich eine totale – Verallgemeinerung mit sich: Wenn man dermaßen schroff trennt, verallgemeinert man gleichzeitig und tut so, als hätten jeweils alle Frauen und alle Männer dieselben Eigenschaften. Der starre Blick auf die Geschlechtsteile, die das einzige sind, was gesehen wird, macht es möglich. Die totale sexistische Verallgemeinerung lässt dann keine Ausnahmen mehr zu.

Mit dieser Denkfigur lässt sich gut die feministische Erkenntnismethode beschreiben, wenn man sie überhaupt so nennen und mit dem Wort „Erkenntnis“ schmücken will; denn es ist eine primitive Methode mit negativer Bilanz. Es kommt mehr Falsches als Richtiges dabei heraus, und es entstehen unberechtigte Vorwürfe mit einem garantierten Anteil von mindestens 60 Prozent Falschbeschuldigung. Der mentale Doppelfehler ist, wenn man ihn einmal bemerkt hat, das immer wieder leicht zu erkennende Strickmuster der Anklagen, aus denen sich das feministische Weltbild zusammensetzt.

Ein Beispiel aus der Literatur mag das verdeutlichen: Lew Tolstoi wird von feministischer Seite vorgeworfen, er habe „jämmerliche Frauengestalten“ geschaffen. Erster Fehler: Trennung. Wie sieht es mit jämmerlichen Männergestalten aus? Die gibt es ebenfalls, siehe „Die Kreutzersonate“. Zweiter Fehler: Verallgemeinerung. Hat er nur jämmerliche Frauengestalten geschaffen? Nein. Siehe „Anna Karenina“. Richtig ist also, dass wir bei Tolstoi unterschiedliche Frauen- und Männerfiguren finden, voll aus dem Leben gegriffen und künstlerisch gestaltet. Da gibt es nichts zu meckern. Doch der Doppelfehler macht es möglich, dass Klage erhoben und raunend ein Unrecht gegenüber der Frau im Allgemeinen beschworen wird.

Man kann nur sehr schlecht (eigentlich gar nicht) mit jemandem, der so denkt und der so redet, argumentieren. Wer mit dem Doppelfehler aufschlägt, wirft jedem, der den Ball zurückschlägt, vor, er würde seinerseits unberechtigt verallgemeinern und würde mit seinen Äußerungen immer auch einen Anspruch auf allumfassende Gültigkeit verbinden. Das darf er nicht. Das darf nur derjenige, der mit dem sexistisch-totalen Sprechen angefangen hat und damit die feministische Grundüberzeugung zum Ausdruck bringt, dass Männer und Frauen unversöhnlich voneinander getrennt sind und dass die Verallgemeinerung gnadenlos ist.

Diese spezielle Art des „Argumentierens“ findet man bereits in frühen feministischen Schriften. Schon Hedwig Dohm stellte das Verhältnis von Ausnahme und Regel einfach auf den Kopf. In ihrem Buch „Die Antifeministen“ aus dem Jahre 1901 rechnet sie mit Ärzten ab, die das Monatsleiden der Frau untersucht haben, und sie tut das mit einem Einwand, der uns so bekannt vorkommt, als hätten wir ihn erst gestern gehört. Sie sagt, sie kenne aber Frauen, bei denen sei es nicht so. Damit unterstellt sie den Ärzten eine Generalisierung, die sie gar nicht vorgenommen haben. Sie tut so, als könnte sie mit ihrem Einzelfall eine statistische Mehrheit widerlegen und, schlimmer noch, als dürfte es nur Wahrheiten geben, die keine Ausnahmen zulassen. Als gäbe es nur ganz oder gar nicht.

So hat sich gleichzeitig ein Wandel vollzogen in der Art und Weise, wie wir mit Einzelfällen umgehen. Für jemanden, der von dem sexistischen Vorverständnis einer totalen Verallgemeinerung ausgeht, ist jeder Einzelfall ein Beleg für sein Vorurteil. Jeder Fall einer Vergewaltigung bestätigt die a priori Annahme, dass alle Männer Vergewaltiger sind. Wer dagegen so ein Vorurteil nicht hat, für den ist ein Einzelfall ein Einzelfall.

Mit so einer „linguistischen Therapie“ (ein Ausdruck, den ich von Herbert Marcuse entliehen habe und nun auf den Sprachfeminismus mit seinem Doppelfehler anwende) hat sich unser Reden über Einzelfälle und Verallgemeinerungen schleichend verändert. Früher – in Zeiten vor Boris Becker – konnte man noch unbefangen sagen: „Die Bayern schimpfen gerne über die Preußen“. Es war klar, dass so eine Aussage nicht umfassend gelten soll und dass es jede Menge Ausnahmen und Grenzfälle gibt. Es war ebenso klar, dass damit kein Fall von Diskriminierung vorliegt und dass nicht etwa eine Gruppe (hier: die Preußen) pauschal herabgesetzt, gedemütigt und beleidigt wird.

Das war einmal. Die Dauerberieselung mit der lästigen „-innen“-Form war zunächst nur Ausdruck einer diffusen, aggressiven Gefühlslage, die sich überall einmischen wollte. Das hat sie seither erfolgreich getan und hat erstaunliche Wirkung gezeigt. Warum sollte es nicht so sein? Schriftsteller, Journalisten und Politiker glauben an die Wirkung von Worten, das müssen sie auch, sonst könnten sie gleich ihre Griffel abgeben und die letzte Tinte eintrocknen lassen. Der Triumphzug der „-innen“-Form hat womöglich die bedeutendste und zugleich am meisten unterschätzte Sprach- und Bewusstseinsveränderung der letzten Jahrzehnte mit sich gebracht.

Nun ist der Doppelfehler zur Norm geworden. Nun werden Gesetze und Vorschriften danach ausgerichtet. Mitte der 80er Jahre wurde mit Rita Süßmuth erstmals die Frauenpolitik eingeführt und damit die Kategorie „Frau“, die es vorher in so einer groben Verallgemeinerung nicht gab (und eigentlich immer noch nicht gibt, aber nun offiziell geworden ist). Erst auf so einem Fundament konnten beispielsweise Quotenregelungen entstehen. Die sind sexistisch und total. Da gibt es keine Ausnahme. Frau oder Nicht-Frau, das ist die Frage.

Quotenregelungen haben daher auch immer den Charme von Backrezepten. Wenn man beispielsweise den Frauenanteil um 10 Prozent erhöhen will, damit im Führungsteam die Mischung stimmt, ist es so, als würde man empfehlen, noch zwei gehäufte Esslöffel Mehl hinzuzugeben, damit der Kuchen gelingt. Unterstellt wird, dass in der Menge der Frauen an jeder Stelle dieselbe Konsistenz vorhanden ist wie an jeder Stelle in der Tüte Mehl. So wird mit beiläufiger Selbstverständlichkeit eine Gleichheit und Austauschbarkeit aller Beteiligten vorausgesetzt.

Wenn wir den Sexismus auf unser Beispiel mit den Bayern und Preußen übertrügen, dann müssten wir ein Gesetz fordern, nach dem ausnahmslos alle Bayern Strafe zahlen müssen und allen Preußen eine Vergünstigung zusteht, auch dem blöden Piefke, der seinerseits immer nur schlecht über die Bayern redet. Außerdem muss es feministisch korrekt „Bayerinnen und Bayern“ heißen. Damit geht es schon mal los. Das wäre Gerechtigkeit im Sinne des feministischen Denkens und Sprechens. Denn so sind sie, die Bayern, die Preußen, die Frauen.

Nein, stimmt nicht. Ich kenne eine Frau, die ist nicht so. Eine sehr sympathische Frau übrigens.

So ähnlich habe ich versucht, es in dem Buch „Frau ohne Welt“ zu erklären. Hier habe ich das noch mal umgeschrieben.

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