dankeskarte

Ich möchte Alice Schwarzer danken

Was wird da bloß in diesen Tagen auf Alice Schwarzer herumgehackt. Ja, natürlich hat sie Steuern hinterzogen und sich damit strafbar gemacht. Und natürlich wird dieser Fakt auch nicht dadurch aus der Welt geschaffen, dass sie sich selbst angezeigt hat und damit straffrei davonkommt.

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Aber dieses selbstgerechte Draufhauen gefällt mir nicht – auch wenn ich zunächst selbst der Versuchung nicht widerstehen konnte. Doch können wir wirklich sagen, dass sie damit schlimmer ist, als wir es sind.

Zugegeben, mich hat auch überrascht, woher sie so viel Geld hat. Ich glaube nicht, dass die Zeitschrift EMMA solch ein Publikumserfolg ist, dass frau dadurch reich werden könnte. Ich jedenfalls habe, obwohl ich ja recht viel in der Gleichstellungsarbeit unterwegs bin, noch nie jemanden getroffen, der von sich bekannte, die EMMA zu lesen. Und selbst wenn es Frauen und Männer gibt, die sich dieses Blatt freiwillig antun, glaube ich doch nicht, dass dessen Herausgabe wirklich Geld einbringt.

Und doch muss Alice Schwarzer so clever und geschäftstüchtig sein, dass sie Millionen angehäuft hat. Da kann ich die Neider schon verstehen. Ich bin ja selbst ein wenig neidisch. Immerhin habe ich Bücher geschrieben und veröffentlicht, die in der Substanz tiefgründiger und wahrheitsliebender sind als die Massenproduktion von Schwarzer. Wirklich Geld habe ich damit bisher nicht verdient. Und ein Schweizer Konto liegt jenseits meines Vermögens.

Also die Neider verstehe ich schon. Aber seien wir bitte ehrlich: Es gibt zwei Gründe, warum wir Alice Schwarzer den Steuerbetrug so heftig vorwerfen. Zum einen hätten wir ja auch gern ein wenig mehr Geld auf dem Konto. Zum anderen passt es schon ins Bild, dass bei einer Frau (bei Hoeneß war es ein Mann) mit moralischem Anspruch über die Steuerhinterziehung ihre dunkle Seite deutlich wird. Wer so ausdauernd verkündet, was gut und was böse ist, bekommt natürlich dann, wenn er/sie sich als fehlbarer Mensch zeigt, richtig „was auf die Fresse“.

Was mir daran nicht gefällt, ist die Selbstgerechtigkeit der Kritiker. Ganz einfach zeigt dieses Beispiel doch, dass es eben keinen Menschen ohne Fehler, ohne Sünde, ohne Schuld gibt. Auch wir, die wir Alice Schwarzer kritisieren, nicht. Wir sollten aufpassen, dass sich das nicht auch einmal gegen uns selbst wendet. So wie Alice Schwarzer es selbst vielleicht nie für möglich gehalten hat, dass sie selbst einmal völlig berechtigt am Pranger steht.

Und hier kommen wird dem eigentlichen Thema näher, auf das uns das Steuervergehen von Alice Schwarzer verweist. Es ist nicht ihre Fehlbarkeit, die ihr vorzuwerfen ist. Und ich finde im menschlichen – nicht im strafrechtlichen und im moralischen Sinn! – es nicht einmal furchtbar, dass sie eine Straftäterin ist. „Wer noch nie gesündigt hat, werfe den ersten Stein.“ (Joh. 8,7) Was ich als wesentlich entscheidender sehe, ist ihre Leugnung ihrer moralischen Verwerflichkeit. Noch im Erwischtwerden spricht sie von Verfolgung.

Sicher ist selbst das immer noch menschlich. Hat nicht Theodor zu Guttenberg immer wieder geleugnet, dass er bei seiner Doktorarbeit plagiert hat? Sucht nicht jeder Schüler nach einer Ausrede, wenn er beim Spicken erwischt wurde? Das eigentliche Thema des Steuervergehens und der Schuldverleugnung bei Alice Schwarzer ist, dass sie sich selbst nicht als schuldig sehen kann. Es ist für sie gar nicht vorstellbar, dass sie eine Straftäterin ist, dass sie einfach aus niederen Beweggründen sündigt. Daher gibt sie zwar zu, dass sie ein Konto in der Schweiz hat. Aber sie hat das ja nur deswegen angelegt, weil sie sich verfolgt gefühlt hat.

Interessanterweise sagt diese Ausrede nichts über ihre nicht gezahlten Steuern. Die haben selbst bei der Annahme, Ihre Argumente wären berechtigt, gar nichts mit einer echten oder vermeintlichen Verfolgung zu tun. Es ist schlicht und ergreifend nur der Versuch, ihr Weltbild aufrecht zu erhalten. Deshalb deutet sie die Veröffentlichung ihrer Steuervergehen als hinterhältiges Spiel der Zuhältermafia.

Die Diagnose ist eindeutig: Es ist die Verleugnung der eigenen Schuld, es ist das verzweifelte Festhalten an der Ansicht, sie sei doch ein guter Mensch, der nichts Schlimmes will und tut. In meinem therapeutischen Verständnis sehe ich hier ein kleines Mädchen, das sich zu Unrecht beschuldigt fühlt und endlich als das gesehen werden möchte, was sie ist: ein liebenswertes Mädchen. Da Alice Schwarzer aber kein kleines Mädchen mehr ist, sondern längst eine erwachsene Frau, ist die Verleugnung ihres Schuldigseins die unanständige Abwehr der eigenen Verantwortung.

Die Verleugnung eigener Schuld und die Abwehr der eigenen Verantwortung aber weist über die persönliche Ebene hinaus. Denn das wirft ein Schlaglicht auf den Feminismus – zumindest dem der Schwarzerischer Prägung. Nach meiner Erfahrung gibt es zwei Seiten des Feminismus: Der, der sich gegen Benachteiligungen von Frauen einsetzt und dabei durchaus an Sachlichkeit orientiert ist. Und der, der die andere Seite – die Männer – grundsätzlich schuldig spricht, um die eigene Verantwortung auch an den beklagenswerten Zuständen abzuwehren. Alice Schwarzer steht ganz sicher für diese zweite Seite. Denn noch ehe sie sich mit Fakten auch nur beschäftigt, weiß sie längst, wie diese zu deuten sind. Das lässt sich in jüngster Zeit sehr gut an den Themen erkennen, in die sie sich eingemischt hat: Kachelmannprozess, Sexismusdebatte, Prostitutionsverbot.

Bei Kachelmann lag sie sachlich völlig daneben. Sie hatte sich viel zu früh in der Deutung des Geschehens festgelegt und sich blind verrannt. Auch in der in den Medien hochgekochten Sexismusdebatte, war sie nicht bereit, genauer hinzuschauen. Schon die Darstellung der Brüderleszene mit der Journalistin (durch die Journalistin selbst!) im Stern zeigte, dass diese Frau Brüderle als erste mit einem aggressiven Angriff entgegen trat. Das soll nicht beschönigen, dass Brüderle nicht gerade souverän reagiert hat. Aber aus diesem Gespräch eine Sexismusdebatte anzuzetteln, zeugt von deutlicher Realitätsverdrängung zugunsten des eigenen Weltbildes. Und auch in der Prostitutionsdebatte tut sich Schwarzer vor allem durch fachliche Unkenntnis und Entmündigung der Frauen, für die sie vorgibt einzutreten, hervor.

Diese drei Beispiele sind ebenso ein Beispiel von Verdrängung eigener Schuld und Abwehr eigener Verantwortung wie wir es nun beim Steuervergehen von Alice Schwarzer feststellen. Es ist eine Haltung, die mich an Teilen des Feminismus schon immer ärgerte. Es ist das, was Kachelmann das „Opferabo“ nannte und das weder an Sachlichkeit orientiert war noch in der Konsequenz für ein friedliches Miteinander von Frauen und Männern eintrat. Darüber hinaus entmündigt es Frauen und wertet sie damit ab.

Alice Schwarzer spaltet die Welt in kindlicher Weise in Gut und Böse, wobei die Bösen immer die anderen sind. Diese Erkenntnis ist nicht neu. Das hat Schwarzer schon immer „ausgezeichnet“. Und das hat sie auch – neben ihrem rhetorischen Talent – zu einer Ikone des deutschen Feminismus gemacht. Sie bot schon immer eine einfache, infantile Weltsicht, die sie kämpferisch angreifend vertrat. Das hat offensichtlich vielen Frauen und selbst den Männern, die auch zu den Guten gehören wollten, gefallen. Im Gefolge von Alice Schwarzer war es möglich, die eigenen Schuldanteile (in der Psychologie wird hier von „Schatten“ gesprochen) nicht sehen zu müssen und die eigene Verantwortung von sich zu weisen.

Wie absurd das ist und wie wenig das die Realität wiederspiegelt, hätte jedem schon längst auffallen können. Selbst den Talkmastern, die Alice Schwarzer immer und immer wieder in ihre Sendungen einluden. Insofern möchte ich Alice Schwarzer für das, was jetzt geschehen ist, danken. Damit meine ich nicht – ich wiederhole es noch einmal – ihr Steuervergehen, sondern die Leugnung Ihrer Verantwortung selbst in einer solch offensichtlichen Situation. Das entlarvt sie und ihre infantile Weltsicht. Das entlarvt aber auch diejenigen, die sich allzu gern hinter dieser Weltsicht versteckt haben. Ihre jetzigen Absetzbewegungen haben damit einen faden Beigeschmack. Denn das, was jetzt an Alice Schwarzer zu kritisieren ist, haben sie über Jahre allzu gern mitgetragen.

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