Griechische Offenbachiade

Karl Marx hat in einer seiner sprachlich wohl gelungensten Analysen zeitgenössischer Ereignisse, der Streitschrift „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“ aus dem Jahre 1852, treffsicher notiert: „Hegel bemerkte irgendwo, dass alle großen weltgeschichtlichen Tatsachen und Personen sich sozusagen zweimal ereignen. Er hat vergessen, hinzuzufügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce.“

Eine Tragödie ist das wirklich nicht, was dieser Tage in und um Athen herum passiert. Eher eine Bouffonnerie, die amüsiert, zumindest zum Schmunzeln einlädt. Eine Farce, wie Marx sagen würde.

Ist es denn nicht zum Schmunzeln, wenn Mitglieder der neuen griechischen Regierung, darunter Verteidigungsminister Panos Kammenos, Außenminister Nikos Kotzias oder Vize-Innenminister Giannis Panousis drohen, Deutschland mit Millionen von Immigranten und Tausenden von islamistischen Kämpfern zu fluten, wenn die deutsche Regierung Athen im Schuldenstreit nicht entgegen kommt? Das kann doch nur ein Witz sein, zugebenermaßen ein ziemlich schlechter Witz. Aber das ist doch nicht ernst zu nehmen. Zum Drehbuch einer Slapstick Komödie könnte auch der (ernstgemeinte?) Vorschlag von Finanzminister Giannis Varoufakis gehören, Hausfrauen und Studenten mit Kameras auszustatten, um dem notorischen Mehrwertsteuerbetrug seiner Mitbürger auf die Spur zu kommen. Geradezu eine abendfüllende Komödie ließe sich mit dem Sujet machen „Wie foppe ich meine Gläubiger und komme dennoch auf meine Kosten, will heißen, an frisches Geld“. Ist es denn nicht urkomisch, wenn den sprachunkundigen Mitarbeitern der Troika „Gesetze“ als Beleg für vereinbarte Reformschritte zugeleitet werden, die vom Parlament so gar nicht verabschiedet worden waren und wohlmöglich noch Zusätze versteckt enthielten, die die alte Klientelpolitik munter fortsetzten? Das ist doch ein Stoff, der jeder opera buffa zur Ehre gereichen würde.

Da die Eurostaaten sich auf die Clownerien der griechischen Regierung einlassen und – da sie einen Grexit, ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro, ausschließen – auch einlassen müssen, machen sie sich – ob sie wollen oder nicht – zu Mitspielern. Dadurch bekommt der Slapstick aber erst seinen unwiderstehlichen Drive. Die Mischung aus Klamauk und Tragödie bringt dann das Stück so richtig auf Trab. Wenn dann noch ein leibhaftiger Finanzminister (wie Giannis Varoufakis) mit frechen Sprüchen („Man muss nicht mehr die Wehrmacht (nach Griechenland) schicken, es reicht, wenn jeden Monat die Troika kommt“), mit absonderlichen Pointen („fiskalisches Waterboarding“), ungewöhnlichen Gesten („den Deutschen den Stinkefinger zeigen“), lässiger Körpersprache und einer bunten Kostümierung den smarten Provokateur gibt, kann es losgehen. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble kommt gar nicht darum herum, Dialogpartner des Pop-Politikers Varoufakis zu sein. In jedem Fall sehen seine Mitspieler alt aus: Wer kann schon im Dialog auf einem solchen Niveau bestehen?

In einem Punkt hat Giannis Varoufakis ja recht. Deutschland kann sich ein Ausscheiden Griechenlands aus dem Euro gar nicht leisten. Nicht wegen der 65 bis 83 Mrd. Euro, die bei einem griechischen Staatsbankrott auf deutsche Steuerzahler zu kämen. Das wäre eine Summe, die der deutsche Steuerzahler notfalls noch stemmen könnte. Leisten kann sich die politische Klasse ein Ausscheiden Griechenlands nicht, weil dann nämlich mit einem Schlag der ganze Murks der „Euro-Rettungspolitik“ ans Licht käme, den die schwarz-gelbe Regierung unter Angela Merkel (im Schulterschluss mit den rot-grünen Oppositionsparteien) zu verantworten hat. Mit Recht würde dann die Frage gestellt: War das griechische Desaster nicht vorauszusehen? Ja, es war vorauszusehen. War die Politik Merkels 2010 und in den folgenden Jahren alternativlos? Nein, sie war nicht alternativlos. Wer konnte denn der griechischen Politik noch vertrauen, die sich den Beitritt zum Euro mit gefälschten Zahlen ergaunert und die über zehn Jahre hinweg die Eurogruppe mit gezinkten Statistiken getäuscht hatte? Niemand konnte Griechenland mehr trauen. Der „Grexit“ war 2010 fällig, da hat Giannis Varoufakis ja völlig recht, und er war auch möglich. Heute wäre die Eurokrise wohlmöglich schon überwunden und vermutlich auch Griechenland bereits über dem Berg.

Die griechische Regierung weiß, dass die großen Gläubigerstaaten, allen voran Deutschland, eine solche Diskussion scheuen wie der Teufel das Weihwasser. So werden jetzt wohl weitere Folgen der Endlos-Serie „Wie foppe ich meine Gläubiger“ in Szene gesetzt. Das Drehbuch ist leicht geschrieben: In einer „großen Kraftanstrengung“ von allen Seiten, in der alle Missverständnisse und Reibereien der vergangenen Wochen und Monate ausgeräumt werden, wird ein „historischer Kompromiss“ erzielt. Alles war halb so schlimm. Komödie eben: Die griechische Regierung wird so tun, als ob sie ihr Haus in Ordnung bringt und die Eurostaaten werden im Gegenzug für diese „Reformbemühungen“ der griechischen Regierung die letzte Tranche des 2. Hilfsprogramms auszahlen und ein 3. Hilfsprogramm mit weiteren Milliardenbeiträgen vorbereiten. In der Zwischenzeit ist die Europäische Zentralbank zur Stelle, um Athen mit sogenannten Notfallkrediten flüssig zu halten.

Wenn jetzt noch im Europaparlament – vermutlich von den Linken – der Antrag eingebracht wird, den Chef des Eurogruppe, den holländischen Finanzminister Jeroen Dijsselbloem, durch den griechischen Finanzminister Giannis Varoufakis zu ersetzen – der hat ja immerhin Erfahrungen, wie man Schulden loswird, ohne auf neues Geld verzichten zu müssen – ist die Offenbachiade perfekt. In Jacques Offenbachs bitterbösen Gesellschaftssatire, der opéra bouffe „Les Brigands“, („Die Banditen“, wie sie in Deutschland heißt) ernennt der regierende Fürst von Braganza den Räuberhauptmann Falsacappa schließlich zum Polizeichef, denn der wisse, wie man Leute aus- und hochnimmt, ohne dass man ihn zu fassen kriegt. Einen solchen „Fachmann“ braucht der notorisch klamme Fürst. Doch Offenbach und seine beiden Librettisten Ludovic Halévy und Henri Meilhac entlassen die Zuschauer nicht in das übliche Happy End der Operettendusseligkeit. Der Räuberhauptmann a. D. und neu ernannte Polizeichef Falsacappa weiß: „Man muss stehlen, wie es die Position gebietet, die man in einer Gesellschaft einnimmt.“ Als Polizeichef hat er jetzt ganz andere Möglichkeiten und braucht sich nicht mehr wie zuvor als einfacher Räuber mit bescheidener Beute zufrieden zu geben. Der Fürst von Braganza wird sich also noch wundern, doch das ist eine andere Geschichte…

 

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