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Gruppenbehaftetes Denken – Furchtsymptom unserer digitalen Gegenwart?

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Um sich als ganzheitliches, vollkommenes Individuum zu verstehen, braucht der Mensch andere Menschen – er ist ein soziales Wesen. Sogar wenn er in den tiefsten Ecken des Teutoburger Waldes ein Einsiedlerleben führt, kommuniziert er: in Gedanken mit sich selbst oder mit den ihn umgebenden Tieren, oder aber Bäumen.

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Und dieser kommunikative Akt stellt eine Form der sozialen Interaktion dar. Deswegen bezeichnete bereits Aristoteles den Menschen als zoon politikon und Èmile Durkheim diesen als homo duplex, um auf die doppelseitige Natur des menschlichen Wesens einzugehen: einerseits als unabhängiges Individuum, andererseits als „abhängiges“ Element der Gemeinschaft.

Mittlerweile wird der Einzelne von sozialen Interaktionen nur so überschwemmt – analog und digital. Bricht deswegen eine Flut von Anderen über den Einzelnen einher? Wird der Einzelne von den Anderen in ihrem Sog eingenommen? Die Antwort ist simpel: Nein. Zwar ermöglicht im realen Leben die erhöhte Flexibilität dank schnellen Automobilen, noch schnelleren Flugzeugen und gut vernetzten Trassen oder Strecken einen quantitativen Anstieg von menschlichen Begegnungen. Und im virtuellen Leben unterstützt diesen Prozess das world wide web, das nun auch portable 24 Stunden überall vom Nutzer verwendet werden kann. Und nicht zu vergessen die social networks, in denen man in Verbindung und Interaktion mit seinen „Freunden“ sein und treten kann.

Trotz dieses quantitativen Anstiegs aber sinkt gleichzeitig die Qualität menschlicher Begegnungen oder Freundschaften. Denn durch diese erhöhte Anzahl von „Freunden“ und dem verdichteten „Freundes“-Netzwerk hat man weniger Zeit für den einzelnen „Freund“. Statt sich mit ihm zu einem Informationsaustausch in der realen Welt zu treffen, werden einige SMS oder Kurznachrichten gesendet und sein Profil auf entsprechender Seite der social networks besucht. Schon ist man auf dem neuesten Stand. Abgehackt, der nächste „Freund“ kann kommen. Quantität statt Qualität, Oberflächlichkeit statt Tiefsinnigkeit.

Der Einzelne verspürt in diesem Strudel der Begegnungen kein Verlangen nach Tiefe. Denn sein Verlangen nach Einzigartigkeit, Bestätigung der eigenen wichtigen Person, kurz seine narzisstische Ader, wurde gesättigt. Das kurze Betrachten seiner narzisstischen Reflexion im Gesprächspartner blendet ihn. Und sie blendet ihn so, dass sie ihm entzückend im geistigen Nebel seiner Trunkenheit das Bedürfnis nach tiefsinnigen Beziehungen kompensiert – zumindest kurzfristig.

Stattdessen fungiert der Andere nun primär als Kompensation des Furchtgefühls vor dem Allein-Sein, anders ausgedrückt als Sättigung eines Zugehörigkeitsgefühls zu einer Gruppe. Dieses Furchtgefühl vor dem Allein-Sein ist neben der Hoffnung auf Anschluss eine Komponente des menschlichen Anschlussmotives, welches neben dem Leistungs- und Machtmotiv ein grundlegendes soziales, menschliches Bedürfnis darstellt. Jedoch bezieht sich dieses Bedürfnis der Zugehörigkeit zu einer Gruppe nicht auf die Gruppe im allgemeinen Sinne, sondern auf eine bestimmte zur jeweiligen Person passende Gruppe, das heißt einer mit ähnlichen Überzeugungen, Einstellungen, Werten oder Interessen.

Das betrifft zumindest den gesunden, persönlich reifen Menschen. Dieser kann aber mittlerweile als Spezies eines belanglosen Teiles der Menschheit angesehen werden. Der überwiegende Teil entwickelt aufgrund des Zusammenspieles von fehlenden tiefen menschlichen Beziehungen mit einem unausgereiften, neurotischen Ich eben diese unausgereifte Persönlichkeit. Konsequenterweise fehlen dieser Persönlichkeit eigene Werte oder Überzeugungen. Deswegen kann der Einzelne kein Gruppenzugehörigkeitsgefühl auf Grundlage dessen entwickeln und muss sich an äußeren Orientierungspunkten klammern. Dieser verzweifelte Klammerungsversuch aber führt größtenteils zu einer unpassenden, sogar diametralen Zusammenkunft von Ich- und Gruppe-Werten, was das Auftauchen eines Zugehörigkeit-Gefühls unterminiert.

Folglich entstehen lauter lose narzisstisch verknüpfte, kurzdauernde Projektzusammenschlüsse, die durch Aspekte wie primär der Befriedigung des Anschlussmotives, der Unverbindlichkeit oder der hierdurch stattfindenden Deindividuation des Einzelnen zu charakterisieren sind. Ein Paradoxon wird sichtbar: Gerade weil man sich nicht als Teil der Gruppe verstehen kann, möchte man dieser Gruppe angehören! Dabei sein ist doch nicht alles!

Unwissentlich wird der Einzelne von einer sich verselbständigenden Dynamik eingenommen. Die Gruppe wird zum primären Bezugspunkt über die sich der Einzelne definiert. Aber nicht nur diese Definition, das Selbstkonzept oder die Denkweise der Person werden gruppenspezifisch konstituiert. Es wird auch gruppenbezogen zu denken und handeln begonnen. Symptomatisch hierfür ist ein vorherrschendes Denken in Eigenschaften, Merkmalen oder besser gesagt in Kategorien anstatt einem Denken vom individuellen Standpunkt aus. Es wird nicht die einzelne Person betrachtet, sondern ihre Merkmale, wie zum Beispiel das Geschlecht oder ihre Kleidung. Die Stereotypisierung, die verallgemeinernde Zuschreibung bestimmter Eigenschaften von Gruppen, feiert somit ihren Siegeszug – basierend auf einer zufällig vordergründig erscheinenden oder wahrgenommenen Eigenschaft des Gegenübers.

Wie fortgeschritten dieser Prozess ist, wird durch das politische Interesse und ihren Interventionen verdeutlicht. Beispielhaft hierfür sei die gegenwärtige Diskussion des Genderismus zu nennen, welche Personen allein aufgrund ihres Frau-Sein bestimmte Vorteile ermöglicht und somit diejenigen, die nicht über weibliche Attribute – zumindest physisch gesehen – verfügen, also Männer, konsequent diskriminiert. Jedoch beinhaltet jedwede Bevorzugung einer Gruppe die Benachteiligung einer anderen Gruppe und erhärtet somit die Grenzlinien zwischen diesen, nämlich zwischen „uns“ und „jenen“.

Eigenschaften, Merkmale, im abstrakten Sinne also Gruppen, sind folglich der primäre Bezugspunkt in unserer heutigen Zeit – nicht nur für den Einzelnen, sondern auch für die Gesellschaft. Möglicherweise stellt dies den besten Kompromiss des furchtbedingten Anschlussmotives kombiniert mit den narzisstischen Zügen des Einzelnen dar ohne sich gleichzeitig im Anderen zu verlieren. Zugleich ist es der Weg des geringsten Widerstandes. Fast eine „win-win“-Situation, aber eben nur fast.

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