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Anmerkungen zum Religionsbegriff mit Blick auf den Buddhismus

Im Okzident werden unter dem Begriff der Religion in der Regel die drei monotheistischen Religionen gefaßt, also das etwa dreitausendjährige Judentum, das aus ihm erwachsene etwa zweitausendjährige Christentum, „das Judentum für die Heiden“ gewissermaßen, und der mehr als ein halbes Jahrtausend später, im 7. Jahrhundert, in Arabien entstandene Islam. 

Diese monotheistischen Religionen beruhen jeweils auf (angeblichen) göttlichen Offenbarungen (Altes Testament, Neues Testament, Koran), und daher ist Glauben gefordert, also ein irrationaler Akt, ohne den der Anspruch dieser Religionen sofort zerfällt. Gleichsetzungen zwischen diesen drei Religionen verbieten sich zwar, aber es handelt sich bei allen um Irrationalismen, die einer Religionskritik zwar nicht standhalten, die sich aber als Doktrin und als lebensweltliche, religiös inspirierte Praxis bewahren und tradieren.

Als bewußtseinsgeschichtlicher, evolutiver Fortschritt galt ihnen zu Recht der abstrahierende Übergang von den vielen Göttern zu einem Gott, jeweils dem der Juden, dem der Christen, dem der Muslime. Diese monotheistische Entwicklungsstufe des menschlichen Bewußtseins, mit der die ältere Entwicklungsstufe des Polytheismus, dem seinerseits der primäre Animismus vorausging, abstrahierend aufgehoben wurde, wurde, abgesehen von Vorläufern, erst in der Neuzeit von der Religionskritik der Philosophie der Aufklärung auf eine neue und höhere Stufe gehoben, nämlich auf die atheistische Stufe, auf der die Vernunft mit allen Risiken nun allein auf sich gestellt bleibt.

Im reflektierten okzidentalen Säkularismus ist die monotheistische Stufe und Tradition aufgehoben, nämlich in einem vollständigen historischen Bewußtseinsraum von Kontinuität und Bruch. Zu diesem Bewußtseinsraum gehört im Okzident das jüdisch-christliche Erbe, nicht jedoch der Islam.

Süd- und Ostasien nahm eine andere, eigenständige Entwicklung. In Indien hatte sich bereits vor etwa dreitausend Jahren eine eigene Hochkultur entwickelt, mit einer ganz eigenen und bemerkenswerten religionsphilosophischen Überwölbung in Gestalt der Veden und der Upanishaden. Diese Sanskrit-Kultur schuf zugleich das bis heute nicht überwundene soziale Kastensystem mit den Brahmanen als oberster Kaste, und sie verband sich mit dem vorgefundenen indischen Polytheismus, der bis heute zur religiösen Praxis der Hindus gehört.

Trotz seiner komplexen Religionsphilosophie bleibt der Hinduismus jedoch ein Polytheismus, aus eben diesem Grunde jedoch kein primitiver. Er bleibt jedoch ein religiöser Irrationalismus, und dies trotz seiner komplexen Religionsphilosophie, aber mit philosophischen Übergängen zum Rationalismus.

Der Schöpfer des Buddhismus, Gautama, entstammte dieser nordindischen Kultur und Lebenswelt. Seine Herkunftsfamilie gehörte zur zweithöchsten Kaste, jener der Krieger, und er lebte um 500 vor unserer Zeitrechnung, ungefähr als Zeitgenosse von Lao-tse in China (Tao-te-king) und der Vorsokratiker in der griechischen Kultur. Lao-tse kann als eine den Vorsokratikern ähnelnde und entsprechende historische Figur angesehen werden. Gerade weil diese Übereinstimmungen  so rätselhaft bleiben, hat Jaspers wohl diese Zeit vor ca. 2500 Jahren als Achsenzeit bezeichnet.

Gautamas Lehre hat sich aufgrund einer jahrelangen Suchphase entwickelt, die für ihn zu einem klaren Ergebnis führte. Aus meiner Sicht dargestellt, sah er sich aufgrund seiner Einsicht bzw. Erkenntnis im Sinne seiner Erleuchtung als Buddha imstande, als Arzt der Gattung homo sapiens eine Diagnose zu stellen, nämlich die ihres Leidens, nicht allein in dem uns geläufigen engen Sinne allerdings (Schmerz usw.), sondern in einem sehr weiten Sinne. Leiden schließt hier neben Schmerz und Unlust alles Nicht-Glück (dukha) ein. Diese universelle Grundsituation aller Menschen aller Zeiten, diese condition humaine, ist jedoch bedingt und kann daher überwunden werden, wenn erkannt wird, was sie bedingt.

Als Ursachen des Leidens werden benannt: Haß, Gier und Unwissenheit. Wer sein Leiden überwinden will, wer also glücklich werden will, der muß diese drei Wurzeln des Leidens überwinden. Es geht dabei nicht um Glauben, sondern um entschlossene, anhaltende, persönlich-praktische Bemühungen, die lebenslang währen. Es gibt dafür bewährte und wirksame Methoden der Meditation, die vom Hinduismus übernommen und dann weiterentwickelt wurden, und das in Verbindung mit einer adäquaten „heilsamen“ und daher moralisch gebotenen Lebensweise.

Es handelt sich hier um eine selbsttransformatorische Praxis, die aus moderner Sicht auf die Plastizität des menschlichen Hirns zielt, um dieses durch stetes meditatives Training so umzustrukturieren, daß das menschliche Dasein nicht mehr als Leid bzw. als Nicht-Glück erlebt wird. Und das ist möglich, indem die Reiz-Reaktions-Schemata, die unser menschliches Verhalten meist reflexhaft steuern, allmählich gelockert und schließlich ganz gelöst werden. Die äußeren Reize und die inneren Reize (Gedanken, Gefühle) bleiben, aber sie werden gleichsam gepuffert und absorbiert, so daß sie unbeantwortet bleiben. Die Reaktionen bleiben aus. Es entsteht mittels einer langfristig trainierten Beobachterhaltung eine bleibende Distanz zur Welt, auch zu der des eigenen Körpers, indem sich das Selbst als ein vollständig losgelöstes, gleichsam frei schwebendes konstituiert: es ist noch in der Welt und zugleich nicht in der Welt.

Aus diesen Gründen handelt es sich nicht um einen Irrationalismus, sondern um einen praktischen Rationalismus oder um eine rationale Praxis, die von Gautama Buddha angeleitet worden ist. Die Bedeutung der umfangreich erhaltenen und dokumentierten Lehrreden des Buddha bestand und besteht darin, als Wegweisung zu dienen, nicht weniger, nicht mehr. Jeder Mensch kann diesen Weg gehen, wenn er das will, und jeder kann im Prinzip das Ziel erreichen.

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Der Buddha wird zwar als Erleuchteter hoch verehrt, aber er ist kein Gott, sondern ein Mensch. Seine Alleinstellung ergibt sich daraus, daß er diesen Weg der Befreiung aus der leidhaften condition humaine entdeckt, selbst erfahren und über mehr als vierzig Jahre gelehrt hat. Alle Vorstellungen von Göttern oder Gott werden hier schlicht überflüssig. In diesem Sinne ist der Buddhismus atheistisch, und dennoch kann davon gesprochen werden, er sei spirituell. In sozialer Hinsicht sei angemerkt, daß die hinduistische Kastengesellschaft im Buddhismus negativ aufgehoben ist, d. h. im Sinne von: beseitigt, und dies ist ein historisch progressiver Sachverhalt.

Um diesen Kern herum haben sich allerdings in 25 Jahrhunderten und vielen ganz verschiedenen Ländern Asiens alle möglichen volksreligiöse Praxen entwickelt, die jeder Tourist in buddhistischen Ländern erleben kann, und es haben sich in Süd- und Ostasien unterschiedliche Lehrtraditionen und Methoden entwickelt (z. B. Hinayana, Mahayana, Zen). Jedoch ist der Kern der Lehre für alle diese Traditionen derselbe.

Literatur:
Die Reden des Buddha. Mittlere Sammlung, aus dem Pali-Kanon übersetzt von Karl Eugen Neumann, Verlag Beyerlein-Steinschulte Herrnschrot 1995

guenter buchholz
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Prof. Dr. Güter Buchholz, Jahrgang 1946, hat in Bremen und Wuppertal Wirtschaftswissenschaften studiert, Promotion in Wuppertal 1983 zum Dr. rer. oec., Berufstätigkeit als Senior Consultant, Prof. für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Consulting an der FH Hannover, Fakultät IV: Wirtschaft und Informatik, Abteilung Betriebswirtschaft. Seit 2011 emeritiert.

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