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Generation Shitstorm

Liebe Gesinnungskrieger,

ist euch eure Autoritätshörigkeit eigentlich gar nicht peinlich? Ich hatte ja gehofft, dass die Zeiten des Kadavergehorsams irgendwann mal vorbei sind, aber nein, da kommt ihr mit eurer typisch deutschen Untertanenmentalität und lasst euch wieder für die Kriege der Herrschenden einspannen.

Ihr protestiert? Ihr seid doch gar nicht autoritätshörig? Ach nein? Was habt ihr denn von denen, gegen die ihr ständig in den Krieg zieht, im Original gehört oder gelesen? Was wisst ihr beispielsweise über Feminismuskritiker und ihre Ansichten aus deren eigenem Mund? Eben. Nichts wisst ihr. Irgendwelche Haltungsschadenjournalisten sagen euch: Der da ist ein Schwein, den müsst ihr hassen. Und dann zieht ihr los und hasst. Autoritätsgläubig, wie ihr nun mal seid. Wie zu den finstersten Zeiten dieses Landes, als hättet ihr nichts aus der Geschichte gelernt. Als gäbe es nicht warnende Beispiele genug für das, was passiert, wenn man sich von Hasspredigern aufhetzen und für deren Agenda missbrauchen lässt.

Dabei haben wir doch alle im Laufe unseres Lebens Filme gesehen oder Romane gelesen über vergangene Zeiten, in denen die dumpfe Volksseele in ihrer vorurteilsbeladenen Beschränktheit zum Lynchmob wird, und uns angewidert und voller Zorn gefragt, was das für selbstgerechte Menschen sind, die anderen so etwas antun.

Schaut in den Spiegel, dann habt ihr sie vor euch. Spießer von rechts wie von links, die es nicht ertragen, wenn jemand anders lebt als sie. Die eine permanente Bestätigung für ihre Lebenslügen brauchen und sich zu diesem Zweck behaglich eingerichtet haben in ihrer Filterblase, aus der sie nicht geweckt werden möchten. Die Angst vor Freiheit haben, Angst vor Alternativen, Angst vor Wahlmöglichkeiten. Weil dazu auch gehört, Fehler zu machen, Irrtümer einzugestehen und Konsequenzen zu tragen.

In eurem Spiegel seht ihr die, die sich daran aufgeilen, mit dem Gefühl der Rechtschaffenheit ihrem Hass und ihren Aggressionen freien Lauf zu lassen. Und mit der Gewissheit, keine Repressalien befürchten zu müssen, weil die Mächtigen auf ihrer Seite stehen. Vor achtzig Jahren hättet ihr mit derselben Selbstgerechtigkeit Juden ans Messer geliefert, weil man euch eingeredet hätte, die würden die Welt beherrschen. In der DDR wäret ihr Stasi-Spitzel gewesen, um euch vor angeblichen Nazis zu schützen. Heute hetzt ihr halt gegen weiße Männer. Immer schön gegen die, die der Zeitgeist gerade zum Abschuss freigibt.

Bei der Gelegenheit: Wie könnt ihr es wagen – How dare you! – meine Generation, die den Umweltschutz praktisch erfunden hat, für den Zustand der Welt verantwortlich zu machen? Ausgerechnet ihr, die ihr Ressourcen verschwendet wie keine Generation vor euch, die ihr um die Welt jettet, den Computer den ganzen Tag auf Standby laufen lasst, in der U-Bahn mit eurem elektronischen Spielzeug daddelt, statt ein Buch zu lesen, und jedes zweite Jahr muss es ein neues Smartphone sein?

Ich weiß natürlich, Denunzianten haben es immer schon vorgezogen, Sündenböcke für die Probleme in ihrem Leben und alle Übel dieser Welt zu finden, statt sich der Verantwortung für ihre Entscheidungen zu stellen. Ein klares Feindbild enthebt Feiglinge der unangenehmen Aufgabe, eigene Schattenseiten wahrzunehmen.

Deshalb Identitätspolitik. Die gibt euch eine Ausrede in die Hand, euch nicht länger mit euren individuellen Verfehlungen beschäftigen zu müssen. Es ist schließlich die Gruppenzugehörigkeit, die für alles verantwortlich ist, nicht wahr? Früher war es die Erziehung. Oder die soziale Schicht, der man entstammt. Irgendeine Ausrede braucht es schließlich, um Verantwortung zu delegieren. Es ist ja so behaglich an dem Ort, an dem man immer nur Opfer ist und niemals für seine Taten geradestehen muss!

Wie wär’s zur Abwechslung mal mit selbstständigem Denken? Wie wär’s, wenn ihr euch ruhig und ohne Vorurteile anhört, welche Meinung Andersdenkende wirklich vertreten? Statt euch von der vorverdauten Welt der 140 Zeichen befehlen zu lassen, was ihr wo zu meinen habt?

Lest, was die zu sagen haben, die man euch zu hassen heißt. Lest es im Original. Und diskutiert mit ihnen. Tauscht Argumente aus, nicht Gefühle. Womöglich könnt ihr sogar euren Horizont verweitern. Werdet erwachsen. Und hört vor allem auf, euch gehorsam von Pseudoautoritäten am Nasenring aufs Schlachtfeld des Bessermenschentums schleifen zu lassen.

 

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Gunnar Kunz hat vierzehn Jahre an verschiedenen Theatern in Deutschland gearbeitet, überwiegend als Regieassistent, ehe er sich 1997 als Autor selbstständig machte. Seither hat er etliche Romane und über vierzig Theaterstücke veröffentlicht, außerdem Kinderbücher, Hörspiele, Kurzgeschichten, Musicals und Liedertexte. 2010 wurde er für den Literaturpreis Wartholz nominiert.

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