Zensur-jkth6924

Die Gedanken sind (noch) frei

Zensur jkth6924

Cancel Culture ist ein „Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit“, wie ein neuer Sammelband heißt. Sowohl an Hochschulen als auch im Forschungsdiskurs werden missliebige Meinungen ausgeschlossen.

Forschung und Lehre sind frei. So steht es in Artikel 5 des deutschen Grundgesetzes. Die Freiheit von Forschung und Lehre ist also ein grundrechtlich geschütztes und damit sehr hohes Rechtsgut. Doch stimmt das heute noch uneingeschränkt? Nach der Lektüre des von Harald Schulze-Eisentraut und Alexander Ulfig herausgegebenen Sammelbands: „Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit“ mag man sich da nicht mehr so ganz sicher sein.

Bei diesem Buch handelt es sich um eine Sammlung von insgesamt zehn Essays und kurzen Aufsätzen, die von verschiedenen Autoren verfasst wurden. Der übergreifende Gedanke ist – bei aller Verschiedenheit der Artikel – die Diagnose, dass die Wissenschaftsfreiheit nicht mehr uneingeschränkt gegeben ist. Vielmehr wird von den Autoren eine sich im Wissenschaftsbetrieb immer weiter ausbreitende Cancel Culture diagnostiziert. Dabei ist gerade freie Forschung und Meinungsbildung eine der wichtigsten Errungenschaften der westlichen Zivilisation, wie die Herausgeber in der Einleitung gleich unmissverständlich verdeutlichen.

Wie genau wird die Wissenschaftsfreiheit denn nun bedroht? Dieser Frage nähern sich die Autoren auf sehr verschiedenen Wegen. Nahezu jeder Artikel ist von einem Spezialisten aus einem anderen Wissenschaftsgebiet verfasst. Was mehrere Vorteile hat. So kann man z.B. direkt in einen Artikel der eigenen Sphäre einsteigen oder sich ganz gezielt auf eine andere Sichtweise einlassen. Der Band bleibt damit zwar monothematisch, wird aber durch die Vielzahl der Annäherungen an das Thema nie langweilig. Zumal die Autoren durchaus einen weiten Bogen spannen und sich nicht einfach nur auf das Geißeln einer akademischen Cancel Culture beschränken. Man hat direkt das Gefühl, an der (von den Autoren ja eindeutig gewünschten) Debatte teilzunehmen.

Dabei beschränken sich die Artikel nicht auf rein akademische Ausführungen. So schildet z.B. der Politikwissenschaftler Martin Wagner in einer kurzen Revue seiner akademischen Karriere, wie sich das Klima im Wissenschaftsbetrieb geändert hat. War der Vorgesetzte in seiner ersten akademischen Anstellung noch jemand der „für alle am Lehrstuhl eine Schutzglocke geschaffen hatte, unter der wir im besten humboldtschen Sinne gedeihen konnten“, änderte sich das bald. So wurde z.B. einem renommierten Gastwissenschaftler aus den Niederlanden ein Visiting Fellowship (in etwa ein Forschungsaufenthalt) verweigert, da dessen erster Vortrag einigen linken Studentengruppierungen nicht gepasst hatte.

Aber auch die analytischen Texte haben ihren Reiz. Hier dürfen natürlich das immer noch aktuelle Thema Corona sowie der Dauerbrenner Klimawandel nicht fehlen. Ersterem widmet sich der Philosoph Michael Esfeld. Die Ausführungen zu Nutzen und Schaden der Coronapolitik sind dabei mehr oder minder bekannt. Weiter reichen seine Ausführungen zur Wissenschaft an sich. So macht Elsfeld deutlich, dass es die Aufgabe von Wissenschaft (hier insbesondere von Naturwissenschaft) ist, Erkenntnisse zu liefen, nicht aber vorzuschreiben, was damit zu tun ist. Obwohl es, wie er schreibt „[…] immer mal wieder Wissenschaftlicher gab, die meinen, nicht nur Tatsachenwissen zu haben, sondern auch ein Wissen, dass sie berechtigt, Politik und Gesellschaft normative Vorgaben zu machen […]“.

Genau diesen Zustand diagnostiziert Elsfeld bei der Coronapolitik, die lange dem medizinischen Pendant des „Follow the Science“-Slogans der Klimaschützer hinterhergelaufen ist. Zurückkommend auf seine ursprüngliche Definition von Wissenschaft bemängelt Elsfeld, dass die Politik hier allerdings nur dem Teil der Wissenschaft gefolgt ist, der ihr ins Konzept passte. Wissenschaftler, die andere (begründete) Meinungen vertreten haben, wurden nicht gehört. Doch das ist für Elsfeld ein deutlicher Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit, denn diese lebt ja gerade vom freien Austausch der Meinungen.

Ähnliche Probleme zeigt der Chemiker Fritz Vahrenholt beim Thema Klimawandel auf. Vahrenholt selbst war als SPD-Politiker lange „ein gefeierter Repräsentant der Umweltbewegung“, bis er in einem Buch einfach auf ein paar Fakten des Klimawandels hingewiesen hatte, die unter vielen Wissenschaftlern diskutiert werden, aber nicht der aktuellen Erzählung vom hundertprozentig menschengemachten Klimawandel entsprechen. Wohlgemerkt, Vahrenholt leugnet mit keiner Silbe den Klimawandel an sich. Doch statt ihn als Bereicherung der Debatte willkommen zu heißen, wurden seine Auftritte im Fernsehen abgesagt und z.B. sein „Wikipedia-Eintrag von grünen Aktivisten verunstaltet“. Vahrenholt zeigt im weiteren Verlauf seines Artikels dann kurz und knapp auf, dass z.B. der allgemein propagierte 97-Prozent-Konsens unter Wissenschaftlern über den menschengemachten Klimawandel statistisch nicht zu halten ist. Außerdem verweist er auf Probleme bei den Modellrechnungen des IPCC.

Neben diesen bekannten Themen der Cancel Culture werden aber auch Bereiche beleuchtet, die kaum in der öffentlichen Debatte stattfinden. So schildert der Historiker David Engels, wie das bisher allgemein akzeptierte Narrativ vom Untergang des Römischen Reichs durch die Völkerwanderung aufgrund aktueller politischer Überzeugungen in Frage gestellt wird. Vielmehr soll es „durch das Paradigma von Kontinuität, Transformation, Kulturtransfer und Interkulturalität“ ersetzt werden. Wobei er sich nicht grundsätzlich gegen eine Neubewertung von vergangenen Ereignissen ausspricht. In diesem konkreten Fall aber zeigt er deutlich, dass historische Quellen ein anderes Bild zeichnen und der Versuch einer solchen Neubewertung daher nicht wissenschaftlich, sondern ideologisch getrieben ist.

Fazit: Ein sehr gelungener Sammelband, der das Problem der zunehmenden Einschränkungen im Wissenschaftsbetrieb von vielen Seiten beleuchtet. Dabei sind die Artikel nie rein auf das Beschreiben von Cancel Culture fixiert, sondern spannen einen weiten Bogen, der dem Leser den einen oder anderen Erkenntnisgewinn bringt.

Harald Schulze-Eisentraut/Alexander Ulfig (Hg.), Angriff auf die Wissenschaftsfreiheit. Wie die Cancel Culture den Fortschritt bedroht und was wir alle für eine freie Debattenkultur tun können, FinanzBuch Verlag (18. Okt. 2022).

Der Beitrag erschien zuerst auf NovoArgumente.

Ähnliche Beiträge

  • Gerechter, Starez oder Gottesnarr?

    Grigorij Perelman zeigte dem Wissenschaftsbetrieb, was unter Wissenschaft wirklich zu verstehen ist. Der russische Mathematiker Grigorij Jakowlewitsch Perelman hat 2010 den mit einer Million Dollar dotierten Millenium-Preis des US-amerikanischen Clay-Instituts für Mathematik abgelehnt. Der Preis wurde Perelman für die von ihm im Jahre 2002 im Internet publizierte Lösung der sogenannten Poincaré-Vermutung zugesprochen. Perelman hatte zu dieser Zeit noch am Petersburger Steklow-Institut für Mathematik gearbeitet, sich…

  • Der Mythos von der „sozialen Konstruktion“

    Und warum sich der Sozialkonstruktivismus sehr gut dafür eignet, Lobby- und Klientelpolitik zu betreiben Der Begriff „soziale Konstruktion“ spielt eine Schlüsselrolle in den Gender Studies. Die Vorstellung, dass das soziokulturelle Geschlecht (Gender) eine soziale Konstruktion sei, wird dort als eine Selbstverständlichkeit betrachtet. Sie bildet das Fundament, auf dem Gender Studies aufgebaut werden, obgleich der Begriff der sozialen Konstruktion dort nicht genauer bestimmt wird. Nach einführenden…

  • Wissenschaft und Anti-Wissenschaft seit der Aufklärung

    Für die Aufklärung des 18. Jh. war die Wissenschaft das Instrument der Welterklärung. Sie zeigte Wege (Methoden) auf, die Welt rational, d.h. gemäß der menschlichen Vernunft, zu erklären. Die Aufklärung übernahm dabei Vieles von voraufklärerischen Denkern, die Weichen für die neuzeitliche Wissenschaft stellten. Sie fügte ihren Überlegungen jedoch eine praktische Komponente hinzu, und zwar den Anspruch, die Welt nicht nur zu erklären, sondern auch zu…

  • Politische Sprachkorrektheit: Krieg der Sterne in Kanada

    Was ist passiert? Ein Professor in Toronto, der sich weigert, gendergerechte Pronomen zu verwenden, wurde von Google und von Youtube gesperrt. So berichtet es ‚The Daily Caller‘. Professor Jordan B. Peterson – um ihn geht es – dachte zunächst, dass es sich um ein Missverständnis handelt. Keineswegs. Es war kein Versehen. Nun war es passiert: Das Imperium hatte zurückgeschlagen. Wir befinden uns im Krieg der Sterne….

  • Buchankündigung: ANGRIFF AUF DIE WISSENSCHAFTSFREIHEIT

    Seit Jahren mehren sich Fälle, in denen Wissenschaftler oder Personen aus Politik und öffentlichem Leben von Vorträgen, Diskussionen oder dem Lehrbetrieb ausgeschlossen werden, weil sie von Meinungen, die dem vorgeblich progressiven Zeitgeist folgen, abweichen. Betroffen davon wurden zum Beispiel der Politikwissenschaftler Herfried Münkler, der Historiker Jörg Baberowski, der Wirtschaftswissenschaftler Bernd Lucke, der Politikwissenschaftler Martin Wagener oder die Biologin Marie-Luise Vollbrecht, um nur einige der prominentesten…

  • Rationalismus oder Irrationalismus, das ist hier die Frage

    Der Irrationalismus ist vermutlich die Urform menschlichen Bewusstseins. Und der Rationalismus ist das befreite, wahrhaft menschliche Bewusstsein. Diese Befreiung war sehr schwierig und langwierig, und sie ist, mit Blick auf die Gegenwart, ernsthaft gefährdet. Sie muss daher verteidigt werden. Julian Jaynes hat eine psychohistorische Theorie entwickelt, die die Evolution menschlichen Bewusstseins vom primären allgemeinen Animismus bis zur Gegenwart zu erklären versucht. Im Mittelpunkt steht dabei…