SiebenSamurai bgvf5436

Die sieben Samurai – ein Film, der Orientierung gibt

 

Vor über 60 Jahren kam der Film „Die sieben Samurai“ in die Kinos. Er prägte wie auch andere Filme des japanischen Meisterregisseurs Akira Kurosawa maßgeblich die Filmkunst.

SiebenSamurai bgvf5436Ende des 16. Jahrhunderts herrschte in Japan Bürgerkrieg. Banditen zogen durch das Land, überfielen die Bauern und plünderten sie aus.

Die Bauern eines kleinen Dorfes stehen vor der Alternative: Entweder kämpfen sie gegen die Banditen, wozu sie ohne fremde Hilfe eigentlich nicht in der Lage sind, oder sie verhungern. In dieser aussichtslosen Situation entscheiden sie sich, einige Samurai anzuheuern, arme Samurai, die bereit wären, für drei Mahlzeiten am Tag das Dorf zu verteidigen.

{youtube}Kxs-N-eAX5c|560|350{/youtube}

Der Film wird oft fälschlicherweise als ein Abenteuerfilm bezeichnet. „Die sieben Samurai“ ist vielmehr ein filmisches Epos, d.h. ein Film, in dem vor einem historischen Hintergrund die wichtigsten Themen des Lebens behandelt werden. Grenzsituationen, Konflikte und Dilemmata durchziehen den ganzen Film.

Besonders eindrucksvoll werden die Gegensätze von Alt und Jung (zwischen dem ältesten Samurai Kambei Shimada und dem jüngsten Katsuhiro sowie dem Dorfältesten und den Bauer), von Mann und Frau (Katsuhiro und Shino) sowie von Gut und Böse dargestellt. Als die Samurai einen Banditen gefangen nehmen, versuchen sie, ihn vor den wütenden Bauern zu schützen („Er ist unser Gefangener. Er hat Anspruch auf gerechte Behandlung.“). Die Bauer haben dafür kein Verständnis – für Verbrecher gibt es keine Gnade.

Auch soziale Konflikte werden in dem Film eindrucksvoll dargestellt, insbesondere der Konflikt zwischen dem japanischen Ritterstand, den Samurai, und den Bauern. Der Bauernsohn Kikuchiyo (gespielt von dem bekanntesten japanischen Schauspieler Toshiro Mifune), der Samurai sein möchte, gibt den Samurai die Schuld an der katastrophalen Lage der Bauern, und zwar nicht nur an ihrer Armut, sondern auch an ihrer Angst, ihrem Misstrauen und ihrer manchmal zu Tage tretenden Grausamkeit. Armut, Ausbeutung und Standesdenken sind somit zentrale Themen des Films.

Wie kaum ein anderer Film vermittelt „Die sieben Samurai“ das Samurai-Ethos. Zu diesem Ethos gehören nicht nur Werte wie Ehre, Standhaftigkeit, Kampfbereitschaft und Aufopferung, sondern auch Eigenschaften und Fähigkeiten wie Disziplin, Achtsamkeit, Konzentration, Übung und eine meditative Grundhaltung.

Selbst der Zen-Meister Daisetz Teitaro Suzuki zeigte sich von dem Film begeistert. In dem zusammen mit dem Psychoanalytiker Erich Fromm verfassten Buch „Zen-Buddhismus und Psychoanalyse“ erläutert er anhand einer Szene aus „Die sieben Samurai“ die Rolle des Unbewussten in der vom Zen-Buddhismus beeinflussten Schwertkampfkunst.(1)

In der Schlussszene reflektiert der Anführer der Samurai Kambei Shimada über den gewonnenen Kampf: „Wir haben gesiegt und trotzdem haben wir verloren. (…) Gewonnen haben die Bauern und nicht die Samurai.“ In dieser Selbstreflexion zeigt sich nicht nur die Bescheidenheit des Samurai, sondern auch sein Respekt vor den Bauern, vor seinen Mitkämpfern und Ernährern. Der gemeinsame Kampf ermöglicht eine Versöhnung von Menschen unterschiedlicher sozialer Herkunft.

Auch andere Filme von Kurosawa behandeln zentrale Themen der menschlichen Existenz und prägen entscheidend das europäische und amerikanische Kino. In „Rashomon“ wird ein Mord aus unterschiedlichen Perspektiven, aus den Perspektiven der Protagonisten, gezeigt, womit Kurosawa den Perspektivismus und Interpretationismus filmisch verarbeitet, ohne allerdings ein Relativist zu sein. „Yojimbo“ wurde zum Vorbild für viele europäische und amerikanische Filme.

In „Das Schloss im Spinnwebwald“ adaptierte Kurosawa Shakespeares Macbeth; er übertrug die Handlung auf das feudale Japan. Der polnische Regisseur Andrzej Wajda wunderte sich, wie ein Japaner einen europäischen Stoff so hervorragend adaptieren konnte, ja zusätzlich Fragmente einbaute, die im Original nicht vorhanden sind, die jedoch Shakespeare hätte schreiben sollen. Wajda besuchte Kurosawa und fragte ihn nach seinem „Geheimnis“. Kurosawa antwortete ihm: „Sie wissen doch, dass ich in Tokio Abitur gemacht habe“.(2)

Der Besitz des Abiturs ermöglichte damals, am Kulturgut nicht nur eines Landes, sondern auch der ganzen Welt zu partizipieren. Auch das Publikum, das sich die Filme von Kurosawa und von anderen großen Regisseuren wie Fellini oder Bergman anschaute, besaß Kenntnisse der europäischen und der außereuropäischen Kultur. Beide, Regisseure und Publikum, konnten sich miteinander verständigen, weil sie bestimmte Kenntnisse und kulturelle Werte teilten.

Ich habe den Eindruck, dass ältere Filme wie die von Kurosawa in inhaltlicher Hinsicht wesentlich anspruchsvoller waren als die heutigen. Sie vermittelten Werte, behandelten wichtige soziale Probleme und hatten den Anspruch, Orientierung zu geben. Als ich neulich das „Philosophencafé“ – ein studentisches Café an der Frankfurter Universität – besuchte, unterhielten sich die Studenten über Filme wie „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“. Zu meiner Studienzeit – also in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts – debattierten Studenten nächtelang über anspruchsvolle sozialkritische Filme von Jean-Luc Godard, François Truffaut, Pier Paolo Pasolini oder Francesco Rosi.

Relativismus, Wertezerfall, Orientierungslosigkeit und Infantilisierung bestimmen die Gegenwartskultur, auch die Filmkunst. Einen Kulturwandel kann man in einer Gesellschaft, die sich demokratisch nennt, nicht erzwingen. Was man aber machen kann, ist Weichen stellen für zukünftige Entwicklungen. Dabei könnte eine Rückbesinnung auf herausragende Werke der europäischen und außereuropäischen Filmkunst Abhilfe schaffen.

Quellen:

(1) Erich Fromm/Daisetz Teitaro Suzuki/Richard de Martino, Zen-Buddhismus und Psychoanalyse, Frankfurt am Main 1972, S. 34f.
(2) „Conversation with Akira Kurosawa about Shakespeare„, in: Web of Stories:
http://www.webofstories.com/play/andrzej.wajda/181

 

Website | + posts

Ich studierte Philosophie, Soziologie und Sprachwissenschaften.
Meine Doktorarbeit schrieb ich über den Begriff der Lebenswelt.

Ich stehe in der Tradition des Humanismus und der Philosophie der Aufklärung. Ich beschäftige mich vorwiegend mit den Themen "Menschenrechte", "Gerechtigkeit", "Gleichberechtigung" und "Demokratie".

In meinen Büchern lege ich besonderen Wert auf Klarheit und Verständlichkeit der Darstellung. Dabei folge ich dem folgenden Motto des Philosophen Karl Raimund Popper: „Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann“.

Ähnliche Beiträge

  • Gibt es einen Krieg gegen die Jungen?

    Spezifische Schwierigkeiten, mit denen Jungen in der Schule konfrontiert sind, werden von Erwachsenen noch immer umdefiniert – Jungen hätten keine Probleme, sondern wären ein Problem. Ein aktuelles Beispiel dafür liefert der Spiegel. Angesichts solcher Umdeutungen werden wir als Erwachsene unserer Verantwortung gegenüber Kindern schon lange nicht mehr gerecht. „ Mit Verlaub, aber selten hat mir ein Text bei SPON soviel Anlass dazu gegeben, mich zu…

  • | |

    Warum Gendern in der Praxis scheitert – anhand typischer Beispiele

    Warum Gendern in der Praxis scheitert – anhand typischer Beispiele Das sogenannte Gendern soll die sprachliche Gleichbehandlung aller Geschlechter fördern. In der Praxis führt es jedoch häufig zu Missverständnissen, Unklarheiten oder sogar unfreiwilligem Ausschluss. Die folgende Tabelle zeigt typische Probleme anhand konkreter Beispiele. Bereich Beispiel Problematik Stellenanzeigen „Steuerfachangestellter / Finanzbuchhalterin / Bilanzbuchhalter*in (m/w/d)“ Unklar: Wird je eine bestimmte Person gesucht (m/w), oder soll es inklusiv…

  • Bildung und Chancengleichheit

    Wie die Situation von Studenten aus bildungsfernen Schichten und migrantischen Studenten verbessert werden kann Das früher extern staatlich und intern partizipatorisch gelenkte Hochschulsystem ist seit einem Jahrzehnt unter den vorherrschenden Einfluss von Kapitalinteressen geraten. Das zeigt sich an den Landeshochschulgesetzen und an der Bologna-Reform. Die Lehre ist vereinheitlicht strukturiert und einem Controlling-Verfahren (Akkreditierung und Evaluierung von Studiengängen) unterworfen worden. Dies soll sicherstellen, dass sich die…

  • „Auf Mitleid dürfen Jungen selten hoffen“ – Ein Interview mit Prof. Markus Meier

    Eine kritische Analyse des OECD Gender Reports Nachfolgender Beitrag ist zuerst erschienen unter www.manndat.de „Mitunter scheint es, als befänden wir uns inmitten einer irrationalen, die gesamte Gesellschaft durchdringenden Bewegung gegen Jungen und junge Männer.“ (William F. Pollack, amerikanischer Psychologe) Die größten geschlechterspezifischen Unterschiede in der Bildung gibt es zuungunsten von Jungs. „Mehr als ¼ aller jungen Männer in Deutschland sind funktionell analphabet.“ Das sollte in…

  • Mit Speck fängt man Mäuse

    Am Donnerstag, 25. Juli 2013 erschien in der Hildesheimer Allgemeinen Zeitung (S. 14) ein ausführlicher Bericht über die Personalpolitik an der Universität Hildesheim, deren Schwerpunkt auf der Lehrerausbildung liegt, und zwar unter dem Titel „Uni setzt vermehrt auf Professorinnen“, mit dem Untertitel: „Universität Hildesheim hofft auf Förderung durch Professorinnenprogramm / Bis zu 450 000 Euro jährlich möglich“. „Die Universität Hildesheim ist in der zweiten Phase…

  • Deutsche Wikipedia als Propaganda-Plattform: Offener Brief an Jimmy Wales

    Die noch junge Männerrechtsbewegung hat in den letzten Jahren verschiedene wissenschaftliche Publikationen vorgelegt, die belegen, dass in unserer Gesellschaft Männer benachteiligt werden und die feministische Ideologie in zentralen Punkten fragwürdig ist. Der feministischen Fraktion ist es nicht gelungen, diese Publikationen zu widerlegen oder auch nur begründet in Zweifel zu ziehen. Weil man das in dieser Fraktion schnell merkte, entschied man sich offenbar für die Strategie,…