polen-8742zc9 2890nc30894

Demokratie in Polen und Demokratiedefizite in Deutschland

polen 8742zc9 2890nc30894

In Polen fand am letzten Sonntag die Präsidentenwahl statt. Der Präsident wird dort direkt vom Volk gewählt. Jeder Bürger kann Präsident werden. Die Deutschen haben leider nicht diese Möglichkeit.

In Polen fand am letzten Sonntag die Präsidentenwahl statt. Der Präsident wird dort direkt vom Volk gewählt. Jeder Bürger kann Präsident werden. Er muss Hunderttausend Unterschriften vorlegen, die seine Kandidatur unterstützen, um an der Präsidentenwahl teilnehmen zu können. Das ist echte Demokratie. Die Polen machten am letzten Sonntag von diesem direktdemokratischen Verfahren Gebrauch.

Die Deutschen haben leider nicht diese Möglichkeit. Der Präsident wird in Deutschland nicht direkt vom Volk gewählt. Nicht jeder Bürger kann für die Präsidentschaft kandidieren. Das ist ein Demokratiedefizit.

Statt dieses Demokratiedefizit zu beheben, sich somit für die oben genannte direktdemokratische Wahl des Präsidenten einzusetzen, werfen deutsche Leitmedien Polen ein „Demokratiedefizit“ vor. So titelte die „Frankfurter Rundschau“ am 14.07.2020 bezüglich der Präsidentenwahl in Polen „Demontage einer Demokratie“. Hier wird, was typisch für totalitäre Systeme ist, die Bedeutung der Begriffe verdreht: Ein Musterbeispiel für Demokratie wird als „Demontage der Demokratie“ bezeichnet.

Die Polen haben auch die Möglichkeit der Volksabstimmung, des Referendums. Über wichtige Fragen kann das Volk, also die wahlberechtigten Bürger, abstimmen. Die Polen machten von diesem urdemokratischen Verfahren nach 1989 Gebrauch. Auch andere osteuropäische Länder, denen deutsche Propagandisten in Leitmedien und Politik ein „Demokratiedefizit“ vorwerfen, haben dieses Instrument der direkten Demokratie. Beispielsweise gab es 2016 in Ungarn eine Volksabstimmung darüber, ob die Ungarn Migration bzw. mehr Migration haben möchten.

Leider haben die Deutschen nicht die Möglichkeit der Volksabstimmung, des Referendums. Das ist ein Demokratiedefizit. Anstatt dieses Demokratiedefizit zu beheben und somit den Weg für Volksabstimmungen frei zu machen, werfen deutsche Medien- und Politikerdarsteller Polen und anderen osteuropäischen Ländern ein „Demokratiedefizit“ vor.

In Polen gibt es im Parlament eine starke Opposition zu der regierenden Partei. Die größte Oppositionspartei („Die Bürgerplattform“) steht tatsächlich in der Opposition zu der regierenden Partei („Recht und Gerechtigkeit“); sie stimmt im Parlament gegen die Gesetzesentwürfe der regierenden Partei.

In Deutschland ist die größte Oppositionspartei (SPD) in der Regierung mit der Partei (CDU), zu der sie angeblich in Opposition steht. Mit Ausnahme der AfD koalieren die im Bundestag vertretenen Partien auf Landesebene miteinander: die CDU mit den Grünen in Hessen, die SPD mit der CDU und den Grünen in Brandenburg, die Linke mit der SPD und den Grünen in Thüringen, die SPD mit der Linken und den Grünen in Berlin, die CDU mit der FDP in Nordrhein-Westfalen usw. Es gibt demnach – abgesehen von der AfD – keine Opposition in Deutschland. Das ist ein Demokratiedefizit.

Anstatt über Demokratiedefizite in Polen zu fantasieren, sollten die in Illusionen lebenden deutschen Politiker und Journalisten über den tatsächlich bestehenden Mangel an Demokratie in Deutschland nachdenken.

In den politischen Parteien in Polen herrscht innerparteiliche Demokratie. Das bedeutet, dass jedes Parteimitglied für ein Parteiamt oder ein Mandat kandidieren kann. Dasjenige Parteimitglied, das von der Parteibasis die meisten Stimmen erhält, bekommt dann auch das entsprechende Parteiamt oder Mandat. Das ist innerparteiliche Demokratie und auch ein Grundmuster der Demokratie überhaupt.

In Deutschland wurde mit der Einführung der Frauenquote bei den Grünen, den Sozialdemokraten und der Linken die innerparteiliche Demokratie ausgehebelt. Der Grundsatz der innerparteilichen Demokratie besagt, dass alle Parteimitglieder gleichwertig sein sollten und dass alle Parteien ihren Mitgliedern die gleichen Mitwirkungsrechte gewähren sollten. Genauer: Alle Parteiämter müssen allen Parteimitgliedern offenstehen. Die Frauenquote verstößt gegen diesen Grundsatz. Solange in einer Partei die Frauenquote besteht, können viele Männer, die für politische Ämter kandidieren möchten, nicht kandidieren, weil sie Männer sind und durch die Frauenquote von der Kandidatur ausgeschlossen werden. Das ist undemokratisch und es diskriminiert Männer. Aus der Perspektive der nicht kandidierenden Parteimitglieder/der Wähler betrachtet: Solange die Frauenquote besteht, können Wähler viele derjenigen Kandidaten nicht wählen, die sie wählen möchten. Die Frauenquote schränkt somit auch die Wahlfreiheit ein.

Auch in diesem Fall wird in Deutschland die Bedeutung der Begriffe verdreht: Die undemokratische Frauenquote wird von den Leitmedien und Teilen der Politik als die höchste Form der Demokratie, als „Geschlechterdemokratie“, aufgefasst.

Anstatt sich Gedanken über angebliche Demokratiedefizite in Polen und anderen osteuropäischen Ländern zu machen, sollten die deutschen Propagandisten in Leitmedien und Politik über tatsächlich bestehende Demokratiedefizite in Deutschland reflektieren.

Buch von Alexander Ulfig, Wege aus der Beliebigkeit. Alternastiven zu Nihilismus, Postmoderne und Gender-Mainstreaming, Baden-Baden 2016.

Website |  + posts

Ich studierte Philosophie, Soziologie und Sprachwissenschaften.
Meine Doktorarbeit schrieb ich über den Begriff der Lebenswelt.

Ich stehe in der Tradition des Humanismus und der Philosophie der Aufklärung. Ich beschäftige mich vorwiegend mit den Themen "Menschenrechte", "Gerechtigkeit", "Gleichberechtigung" und "Demokratie".

In meinen Büchern lege ich besonderen Wert auf Klarheit und Verständlichkeit der Darstellung. Dabei folge ich dem folgenden Motto des Philosophen Karl Raimund Popper: „Wer’s nicht einfach und klar sagen kann, der soll schweigen und weiterarbeiten, bis er’s klar sagen kann“.

Ähnliche Beiträge

  • „Mehr Demokratie wagen!“

    Die Mitgliederbefragung der SPD zum Koalitionsvertrag hat sich für die Partei bezahlt gemacht. Und das gleich mehrfach. Nach dem erneuten Wahldesaster bei der Bundestagswahl 2013 riss die Befragung die Partei aus der Lethargie heraus, in die sie unvermeidlich gefallen wäre. Eine aufrüttelnde Parteitagsrede wie nach dem Wahlschock 2009 reicht einfach nicht aus, um der gelähmten Partei neues Leben einzuhauchen. Das hatte Gabriel gelernt. Die Partei…

  • Krisensymptom Griechenland – wie die Euro-Rettungspolitik Europa ruiniert

    Die Krise in und um Griechenland ist zu einem europäischen Krisensymptom geworden. Die Folgen sind heute noch nicht abzusehen. Ob der Euroraum auseinanderbricht oder ob das „Friedensprojekt Europa“ dauerhaft Schaden nimmt oder sogar scheitert, wie von einigen befürchtet wird, ist ungewiss.

  • Piraten, Frauen und der Tod

    Liebe Piraten, liebe Frauen! Da ich einige Piratengeschichten und ein Sachbuch für Kinder zum Thema geschrieben habe, liegt die Vermutung nahe, dass ich auch ein Freund der Piraten-Partei bin (ein Freund einzelner Frauen bin ich sowieso), und dass ich nun – quasi als Insider – etwas sagen kann zu dem Vorwurf, die Partei sei sexistisch und frauenfeindlich. Das kann ich. Ich will bei der Gelegenheit…

  • Geopolitik und strategische Strukturen

    Der Zweite Weltkrieg endete 1945 mit dem Sieg der Allierten, deren Allianz aufgrund ihres Sieges in eine bipolare Weltordnung überging, mit der Führungsmacht USA auf der einen und mit der Sowjetunion auf der anderen Seite; diese geschichtliche Periode ging 1989 mit der Implosion der Sowjetunion zu Ende. Seit 1989 verstehen sich die USA als einzige Weltmacht, und ihre weltweite militärische Präsenz verdeutlicht das. Gleichwohl haben…

  • Peter Brandt über Willy Brandt

    Im Spannungsverhältnis zwischen persönlicher Nähe, Zeitzeugen und historischer Forschung Peter Brandt, Historiker, Leiter des Lehrgebiets Neuere Deutsche und Europäische Geschichte und Direktor des Instituts für Europäische Verfassungswissenschaften der Fernuniversität Hagen, ältester Sohn Willy Brandts, beschreibt und bewertet Person und Lebenswerk seines Vaters, indem er die einzelnen Stationen nicht chronologisch nachzeichnet, sondern in zehn Kapiteln systematisch zusammenfasst.  So gelingt ihm eine übersichtliche, sehr gut lesbare, nicht…

  • Braun ist die Erde. Ökofaschismus und Agenda 21

    Bunt schillernd wirbt „Unity Earth“,1 eine Non-Government-Organisation (NGO) aus den USA, auf ihrer Website in allen Farben des Regenbogens mit einer vereinten Welt, in der nach Corona verbesserte neue, faire Wirtschaftsbedingungen für alle Menschen gelten würden – und Naturschutz an erster Stelle stünde. Die Ziele von „Unity Earth“ werden werbewirksam beschrieben: „Unity Earth is a global network of organizations and individuals standing together in the…