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„Schließlich wird in Warschau ein Stück Geschichte geschrieben …“

Das schreibt der Schriftsteller Günter Grass an Bundeskanzler Willy Brandt am 25. November 1970, kurz vor der Reise Brandts nach Warschau, um im Rahmen der neuen deutschen Ostpolitik den Deutsch-Polnischen Vertrag „über die Grundlagen der Normalisierung der Beziehungen“ zu unterzeichnen.

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In seinem Brief unterbreitet Grass ausführlich Vorschläge, wie dieses bedeutende Ereignis angemessen begleitet werden sollte. Zunächst verweist er auf den Unterschied zum Moskauer Vertrag vom August 1970.

Anders als gegenüber der Sowjetunion bestünden zu Polen immer noch keine diplomatischen Beziehungen. (Diese wurden erst 1972 aufgenommen.) Um aber zu demonstrieren, dass der Vertrag mit Polen „beide Völker direkter, als es das Moskauer Abkommen tun konnte“ betreffe, schlägt er als Reisebegleitung „öffentlich bekannte Wissenschaftler, Schriftsteller und in Fragen der Ostpolitik engagierte Vertreter der drei Kirchen“ vor.BrandtGrass-Buchcover

Brandt übernahm die Vorschläge fast ganz. Neben Grass selbst sollten der ihm besonders nahegelegte Schriftsteller Siegfried Lenz mitkommen, ebenso Marion Gräfin Dönhoff, damals Chefredakteurin der Wochenzeitung „Die Zeit“, die jedoch trotz Unterstützung von Brandts Entspannungspolitik in emotionaler Erinnerung an ihre frühere Heimat Ostpreußen absagte, wofür Brandt Verständnis zeigte. „Selbstverständlich können auch Nannen und Beitz dabei sein, nichts spricht gegen Gewerkschaftsvertreter, doch sollten es, so meine ich, nicht mehr als zwölf Personen sein“, empfahl Grass weiter. Henri Nannen, Chefredakteur des Magazins „Stern“, der Aufsichtsratsvorsitzende des Krupp-Konzerns Berthold Beitz und der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes Heinz-Oskar Vetter begleiteten dann ebenfalls den Bundeskanzler. Insgesamt umfasste die Delegation vierzehn Persönlichkeiten.

Als Brandt 1964 den Vorsitz der SPD übernahm, fand er eine Partei vor, die zwar wenige Jahre zuvor mit einem neuen Grundsatzprogramm, dem Godesberger Programm von 1959, auf die Höhe der Zeit kommen wollte, die aber bei Wahlen über ihre Stammwählerschaft, vor allem in Arbeitermilieus, hinaus kaum in neue Schichten vordringen konnte. Bei der intellektuellen und künstlerischen Avantgarde galt die SPD im Erscheinungsbild ihrer Organisation als altmodisch und bieder. Grass organisierte im Bundestagswahlkampf 1965 ein unterstützendes „Wahlkontor deutscher Schriftsteller“ und für den nächsten Wahlkampf im Jahr 1969 die „Sozialdemokratische Wählerinitiative“ aus Künstlern und Wissenschaftlern. Nicht zuletzt dank dieser Mobilisierung und des Aufbruchs von Geist und Literatur wurde Brandt 1969 zum Bundeskanzler gewählt. Das Motto seiner wegweisenden ersten Regierungserklärung „Mehr Demokratie wagen“ stamme von Grass, so das Forschungsergebnis des Herausgebers dieses jetzt veröffentlichten Briefwechsels, des Literaturwissenschaftlers Martin Kölbel.

Auch unter der Kanzlerschaft von Willy Brandt gelang es Grass, für dessen mutige Ostpolitik und entschiedene Reformpolitik im Inneren viele maßgebliche Persönlichkeiten aus Literatur und Wissenschaft, sonst durchweg individualistisch orientierte Gruppen, zur Unterstützung zu gewinnen und mit der Sozialdemokratie zu verbinden. Grass trug wesentlich dazu bei, dass die SPD unter Willy Brandt zunehmend als fortschrittlich und modern angesehen wurde und Meinungsführerschaft in den zentralen Politikfeldern übernehmen konnte.

Grass gehörte zu den engsten Beratern des Kanzlers. Allerdings widerstand Brandt dem Bestreben und der Aufforderung des Schriftstellers, ihn als Minister ins Kabinett zu nehmen: „Es wäre wohl gut (…) aus Ihnen keinen ‚Emissär’ der Bundesregierung machen zu wollen; ‚Weisungen’ entgegenzunehmen, wird Ihnen ohnehin kaum liegen“ (am 12. Dezember 1969, S. 328). Bei seiner Absage fiel der Kanzler ausnahmsweise sogar von der 1968 vereinbarten Anrede Du auf das förmliche Sie zurück. Grass sollte und konnte weiterhin als kritischer Wegbegleiter agieren, was Brandt offensichtlich wichtig war. Erst im Zuge des deutschen Einigungsprozesses fanden Grass und Brandt nicht länger zusammen. Der Schriftsteller klagte, Brandt habe „dem hastigen Sofortprogramm Einheit das Wort geredet (…) unter dem Niveau seiner Kasseler elf Punkte“ (S. 801). Brandt reagierte kühl: „Was immer sonst zwischen uns gekommen sein mag – wie ich nach dem 9. Nov. 89 an meine Kasseler Punkte vom Frühjahr 70 hätte anknüpfen können, will nicht in meinen Kopf“ (am 24. August 1990, S. 799/800).

Unterschiedliche Auffassungen über gesellschaftliche und politische Entwicklungen wurden bereits in der frühen Phase des Transformationsprozesses im Osten Europas deutlich, wie der Briefwechsel zeigt. Schon 1982 wirft Grass der SPD falsche Politik gegenüber der Lage in Polen vor: „Es ist mir unmöglich, immer wieder ausgesprochene Selbstverständlichkeiten noch einmal niederzuschreiben, zumal ich im Vorhinein weiß, daß nichts oder zu wenig davon seinen Niederschlag finden wird. Hinzukommt, daß ich die anhaltende Sprachlosigkeit oder die nur noch staatsmännischen Verlautbarungen der SPD zur Lage in Polen nicht oder nicht länger akzeptieren kann“ (an Brandt am 27.1.1982, S. 727).

Zum Hintergrund des Protestes: Im Dezember 1981 waren in Polen das Kriegsrecht verhängt, die Gewerkschaft Solidarnosc verboten und führende Mitglieder verhaftet worden. Brandt hielt, „trotz einer Sympathie“ für Solidarnosc, am „Grundsatz der Nichteinmischung“ fest (S. 728). Grass empfand die Reaktionen auch aus der SPD „beschämend“ (S. 731).

Zahlreiche Abschnitte in weiteren Briefen beschäftigen sich mit den deutsch-polnischen Beziehungen und der Situation in Polen selbst. Der Zugang zu diesen Passagen wird über ein detailliertes Personenregister erleichtert. So ist diese Publikation auch eine neu erschlossene wichtige Quelle zur historischen Rekonstruktion der Beziehungen zwischen Polen und der Bundesrepublik Deutschland bis zum Anfang der 1990er Jahre.

Mit dem aufwendigen, auch buchtechnisch ausgesprochen gelungenen Band werden erstmals sämtliche Briefe samt Briefbeigaben der fast drei Jahrzehnte dauernden Korrespondenz veröffentlicht, insgesamt fast dreihundert, mit ausführlichen Kommentierungen als Fußnoten, ergänzt durch fast hundert weitere Briefe, Reden, Schriftstücke anderer Persönlichkeiten aus Politik und Literatur im Kontext, so dass eine umfassende Dokumentation von zeithistorischer Bedeutung vorgelegt wird.

Abgerundet wird die sorgfältige Edition durch einen umfangreichen Anhang, mit Angaben zur Überlieferung, mit Faksimiles der Briefköpfe, einer detaillierten Zeittafel, einem wohl vollständigen Verzeichnis der relevanten Literatur, einem Personenregister mit biographischen Angaben sowie nicht zuletzt mit einem Nachwort des Herausgebers zu Hintergründen und zeitgeschichtlicher Einordnung dieses Briefwechsels zweier überragender Persönlichkeiten, welche die Bundesrepublik Deutschland, vor allem auch in ihren nachbarschaftlichen Beziehungen jenseits von Elbe und Oder, nachhaltig und bis in die Gegenwart wirksam verändert und geprägt haben.

Martin Kölbel (Hg.): Willy Brandt und Günter Grass, Der Briefwechsel, Göttingen: Steidl Verlag, 2013, 1230 S., zahlreiche Fotos und Faksimiles, Leineneinband, Schutzumschlag, Lesebändchen; ISBN 978-3-86930-610-0; 49,80 €

Der Artikel erschienzuerst in „Krakowskie Studia Miedzynarodowe“.

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