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Biotopia – Versuch eines empathischen Zuganges

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Ein wundervoller Bauernhof mit saftiger grüner Wiese, auf welcher die Tiere voller Ehrfurcht und Achtung vorsichtig und nachdenklich das Gras aus der Erde ziehen, um dieses zu verspeisen. Dazu ein strahlenblauer Himmel mit lachender Sonne. Genauso lachend und glücklich wie der Bauer und seine Tiere. Das ist Biotopia. Alles ist biologisch – frei nach dem Motto: „Wer Bio isst, nur der hat Mut. Denn Bio das tut allen gut.“

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Langsam fängt diese Art des extremen, dekonstruktiven und unkritischen Bio-Wahns an wirklich zu stören – trotz natürlich gewisser positiver Vorzüge. Die Bio-Hand streckt aber ihre Finger aus, um nach Menschen zu greifen und sie in ihre Klauen zu ziehen.

Sie legt ihre Schatten über das Land und trifft zum Glück nur eine besondere Spezies von Mensch: den „conscious-nature-hip-urban-underground“ Pseudo-Elitären. Dieser gehört seiner eigenen Ansicht nach nicht dem „niederen, abstoßenden Plebs“, dieser grauenhaften unbewusst lebenden Masse an. Nein. Er sieht sich als etwas Erhabeneres, Kreierendes, die Welt Verbesserndes. Aber um nicht zu arrogant zu wirken, möchte man natürlich dem indiskutablen, nicht so intelligenten Plebs auch irgendwie entgegenkommen und ihm den richtigen Weg zeigen. Dazu gehört, dass der Pseudo-Elitäre versucht sein Erhaben-Sein geringfügig demonstrativ zu betonen. Zum Beispiel durch seinen Lebensstil, seine Kleidung oder seine Ernährungsweise.

Aber vorerst eine kurze Charakterisierung dieses Pseudo-Elitären. Es handelt sich hierbei meist um solch eine Spezies von Mensch, die öfters jeder Mode nachläuft, ideologisch und dementsprechend intolerant denkt sowie über eine geringe Reflexionsfähigkeit verfügt. Also das perfekte Fressen für jedwede Manipulation von außen, vor allem der Wirtschaft. Trotz dieses Marionetten-Daseins besitzen sie ein großes Selbstwertgefühl gepaart mit der Überzeugung die Welt und ihre Zukunft retten zu müssen. Denn sie, und nur sie sind die Auserwählten. Andersdenkende, die die Bedeutsamkeit dieses Vorhabens nicht vermögen zu erkennen, sind es nicht wert beachtet zu werden. Ihnen kann keiner mehr helfen, sie sind bereits auf verlorenem Posten. Nur Gnade kann ihnen noch helfen.

Durch diese Verhaltensweise präsentieren die Auserwählten jedoch ihre begrenzte, einseitige Toleranz. Toleranz für die einen, aber nicht für die anderen. Aber dies bleibt natürlich dem Pseudo-Elitären trotz seiner enormen intellektuellen Fähigkeiten versagt. Alles andere sind Dogmen, ist das „falsche“ Leben, und diese müssen sich ändern. Um sich jedoch von der grauen Masse abzugrenzen, braucht der Pseudo-Elitäre etwas womit er sich schmücken kann. Es darf jedoch bitte nicht zu primitiv, nicht zu plump oder nicht zu „massig“ sein. Stattdessen muss es etwas Originelles, Neues, Frisches oder „conscious-nature-hip-urban-underground“ sein – genauso wie der Pseudo-Elitäre in seinen Augen selbst. So sieht es natürlich in der Realität des Pseudo-Elitären aus.

Und was wäre nicht weniger passend als das Konsumieren von Bio-Artikeln: Bio-Gemüse, Bio-Obst, Bio-Getreide, und so weiter. Diese Artikel sind mit 100 prozentiger Sicherheit Bio. Wo Bio drauf steht, muss Bio drin sein. Wer würde es denn wagen, ihn, den Pseudo-Elitären zu hintergehen? Und sogar dann. Er würde ja mit seiner intellektuellen Spitzfindigkeit sofort dahinterkommen. Wehe dem, der dies nur versucht.

Bio-Artikel haben weniger Schadstoffe, Pestizide. Die Tiere können ein friedvolles Dahinleben genießen und werden im Gegensatz zur Massentierhaltung als Individuen betrachtet. Jedes einzelne Tier erhält einen Namen inklusive selbst gestricktem Schal mit seinem Namen darauf, die die einzelnen Betreuer der Tiere voller Liebe und Aufopferung für ihn gemacht haben. Es werden den Tieren Bach, Mozart und Beethoven vorgespielt, um ihnen eine wohlige, wohlfühlende Atmosphäre zu gestalten. So leben die Tiere ein wunderschönes, fast paradiesisches Leben hier auf Erden.

Und sogar ihr Abgang ist dem eines Bio-Tieres würdevoll. In romantischer Stimmung sucht das Bio-Tier gerade in selbstaufopfernder Rolle den Abgrund, um seinen Sinn des Lebens zu erfüllen: Als Bio-Tier dem Pseudo-Elitären zu dienen, von diesem verspeist zu werden, damit dieser sich besser fühlen kann. Somit kann dieser seinem sinnleeren, absurden Leben auf irgendwelche Weise doch einen Sinn abgewinnen. Wie gedankenvoll und empathisch vom Bio-Tier. Einfach nur ein ebenbürtiger Gegner des Pseudo-Elitären.

Das Geschilderte stellt die pseudo-elitäre Realität dar. Die weniger ideologisch verzerrte Wirklichkeit sieht aber gravierend anders aus: Bio-Produkte enthalten Schadstoffe und Pestizide – teilweise sogar mehr als Nicht-Bio-Produkte. Die selbstmordliebenden, Beethoven hörenden Bio-Tiere hören aber leider nur ihr gegenseitiges Gequiecke in viel zu engen Räumlichkeiten. Dort finden nicht unüblich rasant Krankheiten ihre Verbreitung.

Aber all dies entspricht natürlich nicht der Realität des Pseudo-Elitären. Dieser betont zwar seine altruistische Ader der Umwelt zu dienen, ihr zu helfen. Doch in Wirklichkeit handelt es sich hierbei um eine Verdrehung der Tatsachen. Nicht die Umwelt braucht ihn, sondern er braucht die Umwelt. Sie ist die Quelle seines Lebens, die ihn nährt und versorgt. So sieht das wirkliche Biotopia aus. Eine von vielen Utopien des Pseudo-Elitären.

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