Zeitungzerrissen-jnbh8735

Niedergang der Presse am Beispiel der „Brigitte“

Ich fange das mal anders an. Ich war zweimal im Laufe meines Berufslebens bei Internet-Providern tätig. Trotzdem unterschieden sich die Tätigkeiten extrem.

Zeitungzerrissen-jnbh8735 Beim ersten Provider war ich bei einem der beiden ersten deutschen Provider, bei dem wir damals noch alles selbst machten und wirklich jede Schraube und jedes Bit persönlich und beim Vornamen kannten. Es gab damals nichts anderes. Wir waren sehr gut, sehr seriös, sehr zuverlässig – und sehr teuer. Wir hatten viele Techniker und einen Juristen.

Jahre später war ich bei einem anderen Provider, und es hatte gar nichts mehr mit meiner ersten Tätigkeit zu tun. Das Geschäft hatte sich in der Zwischenzeit massiv (zum Billigen und zum Schlechten) verändert, die Preise im Keller, die Branche massiv unseriös. Im Ernst, ich bin der Überzeugung, dass das Telekommunikationsmassengeschäft inzwischen allgemein richtig unseriös geworden ist und da richtig krumme Dinger laufen. Das schlug sich auf die Geschäftspraktiken nieder: Im Prinzip gab es nur noch eine Verwaltungsgesellschaft, die ganz viele teure Bonzen mit hohen Gehältern und ganz wenig Sachkunde führte, und die alles an eine unglaublich hohe Zahl externer Dienstleister auslagerte, zwischendrin sogar den gesamten Außendienst.

Eigentlich wusste man in vielen Bereichen gar nicht mehr so genau, wie der eigene Laden eigentlich so lief und funktionierte, weil nahezu alles von Externen, von Dienstleistern, von Freiberuflern gemacht wurde. Dokumentation? Dünn bis kaum, weil für Dokumentationsarbeiten häufig das Budget fehlte. Es werden quasi virtuelle Firmen gebaut, die nur noch mit Spucke und Trägheit zusammenhalten, keine Substanz mehr haben und von irgendwelchen Opportunisten geführt werden, die vom technischen Geschäft wenig Ahnung haben, sich aufführen wie die Mafia, und sich selbst stets viele Boni einpacken.

Heute ging nun eine Meldung durch die Presse. Hintergrund ist, dass es Gruner + Jahr wohl nicht mehr so gut geht, und sie ihr Zeitungsgeschäft wohl an Bertelsmann verkauft haben. In diesem Kontext gab es da wohl auch Entscheidungen:

Brigitte entlässt alle Textredakteure. (Siehe SPIEGEL, Tagesspiegel, TAZ, Süddeutsche).

Man schreibt Texte nicht mehr selbst, sondern lässt sie von Externen und Freiberuflern erstellen (ähnliches anscheinend auch bei GEO). Dafür wird die „Führungsebene” (sprich: Hochbezahlte, die nicht selbst schreiben) aufgeblasen:

Zukünftig werden die Titel der ‘Brigitte’-Gruppe von einem agilen, kreativen und flexiblen Kompetenzteam ausgedacht und produziert. Durch diese Strukturumstellung holt ‘Brigitte’ mehr Vielfalt und Potenzial von außen rein.

Heißt auf Deutsch: Kein eigenes Profil mehr, es wird einfach nur noch vom freien Markt an Artikeln gekauft, was gerade da ist. Damit ist die Brigitte keine Zeitschrift mehr, sondern nur noch so eine Art Broker oder Wiederverkäufer. Wozu aber sollte man das noch brauchen?

Ich glaube, das hält nicht mehr lange mit der Presse.

Man könnte es auch so – ich nenne es mal – „interpretieren” (was auch meinen Beobachtungen und Erfahrungen entspräche), dass die Pressebranche so kaputt und versaut ist, dass mit heutigen „Journalisten” keine Redaktion mehr zu machen ist, dass die nichts mehr zustandebringen, was sich verkaufen lässt, und eine Redaktion mit festangestellten Redakteuren (die ja heute sehr häufig auf den Gender-Trip sind und sonst gar nichts mehr machen) einfach nicht mehr funktioniert. Leute nicht mehr festanzustellen (und dann mit deren Spinnereien auskommen zu müssen), sondern Artikel qualitätsabhängig zu kaufen (oder auch nicht), ohne sich da langfristig zu binden, kann auch die Konsequenz aus dieser unsäglichen Ideologisierung der Presse sein.

Man könnte es auch so auslegen, dass sich die Pressemeute durch deren Reduktion auf ideologisch orientierte Einzelthemen selbst ins Abseits geschossen hat und künftig eben nicht mehr Personen, sondern wirklich Artikel zählen. Es freut mich sehr, dass dieser Mist, in den sich die Presse verwandelt hat, zwangsläufig schrumpft und sich selbst nicht mehr halten kann, und in der Konsequenz wieder ein Rücksturz zu einem Markt mit Wettbewerb entsteht (oder es zumindest so aussieht). Kann natürlich sein, dass die Redaktion auch weiterhin nur ideologischen Mist kauft – aber dann eben auch zu niedrigeren Preisen und in der Konsequenz dann auch irgendwann ganz pleite gehen wird.

Kurioser Nebeneffekt: Wenn es in einer Redaktion keine Redakteure mehr gibt, und man Artikel nur noch vom Markt einzeln einkauft – dann gibt es auch keine Frauenquote mehr. Die zwar bei der Brigitte eher unproblematisch sein dürfte, aber es geht ja um einen generellen Trend.

Ich glaube durchaus, dass sich der Journalismus – nein, falsch, nicht der Journalismus, sondern die Journalisten – gerade selbst erledigt und in die Arbeitslosigkeit geschossen haben und künftig nur noch die überleben, die das bringen, was gekauft und gelesen wird.

Man wird sehen, was das dann inhaltlich ist.

Der Artikel erschien zuerst in Hadmut Danischs Blog.

Ähnliche Beiträge

  • Aufgehen in einer Tätigkeit – das Flow-Erlebnis

    Der Zustand des Aufgehens in einer Tätigkeit wird von Psychologen als Flow bezeichnet. Er wird auch als Bestandteil eines erfüllten und glücklichen Lebens angesehen. Ein Schachspieler berichtet: „Wenn das Spiel mich packt, höre ich sozusagen nichts mehr … es gibt nur das Spiel als Gegenstand meines Denkens.“ „Ich bin mir meiner Selbst und meiner Probleme weniger bewusst … es gibt Phasen, in denen ich nichts…

  • | |

    Von der Freiheit zu gehorchen [Gunnar Kunz]

    Von der Freiheit zu gehorchen Nicht frei, wie meinen Sie das? Sie können in einen Verband bluten oder aufs Kopfkissen. Auch Alternative genannt. (Günter Eich) Symptomatisch für die gewandelte Einstellung gegenüber Andersdenkenden in Deutschland ist der Synonym-Duden. Die 2. Auflage von 1986 enthält noch einen Eintrag »Querdenker«, für den als Synonym »Schrittmacher« angegeben wird. Die 7. Auflage von 2019 hingegen kennt den »Querdenker« gar nicht…

  • Dossier „Medienkritik“

    Gegen den „propagandistischen Einheitsbrei“ Medienkritik ist angesichts der beunruhigenden Entwicklung der Mainstream-Medien wichtiger denn je. Immer mehr Menschen merken, dass mit den bundesrepublikanischen Leitmedien Vieles nicht stimmt. Sie folgen unkritisch dem politischen und gesellschaftlichen Mainstream, berichten sehr einseitig und tendenziös, sie machen sich in vielen Fällen zum Handlanger der Regierungspolitik, kurz: Sie verstoßen gegen fundamentale Prinzipien der journalistischen Arbeit wie Unabhängigkeit, Unvoreingenommenheit, Ausgewogenheit und weltanschauliche…

  • Sind Meinungsfreiheit und Debattenkultur an deutschen Hochschulen gefährdet?

    Der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt wurde von der Uni Frankfurt als Redner ein- und wieder ausgeladen, weil er nicht ins politisch-korrekte Weltbild passte. Wendt ist kein Einzelfall – wie steht es um die Demokratie an deutschen Hochschulen? Diese Frage stellte auch 3-Sat Kulturzeit am 23. Januar.  Ich bin nach meiner Abberufung als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Goslar von einigen Universitäten in Deutschland zu Vorträgen eingeladen worden….

  • Wie zu erwarten: Eine antisemitische Allianz formiert sich

    26. Juli 2014, von Prof. Adorján Kovács Was ich am 8. Juni 2010 zum neuen Stolz der Berliner Republik und ihrem geänderten Verhältnis zu Israel und den Juden geschrieben habe, ist so aktuell wie nie.  Die Konsequenzen sehen wir heute auf deutschen Strassen: Antisemitismus ist wieder salonfähig. Der Krieg in Syrien und Irak – interessiert nicht. Der Krieg in der Ukraine – egal. Der Massenterror…

  • Träume in Schwarzweiß

    Viele können sich nicht mehr vorstellen, wie die Welt aussah, bevor der damalige Außenminister Willy Brandt mit einem historischen Knopfdruck das Farbfernsehen einführte. Damit wurde plötzlich „alles so schön bunt hier“, wie Nina Hagen später singen sollte. Doch es ging nicht so fix, die verschiedenen Farbwelten existierten noch ein Weilchen nebeneinander her. Und es fanden sich gelegentlich noch Zeugnisse aus der Übergangszeit, die mich geradezu…