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Merkels Staatskunst: So lasse ich mir Demokratie gefallen

Dem entsetzlichen Lärm und rüpelhaften Krawall, der uns jenseits des Atlantiks als sogenannter Wahlkampf um das Präsidentenamt über Wochen und Monaten hinweg vorgesetzt worden war, haben die führenden deutschen Politiker in nur wenigen Tagen ein Zeichen eines gänzlich anderen, zivilisierteren Politikstils entgegengesetzt. Sie haben den USA sowie dem Rest der Welt in der Woche zwischen dem Volkstrauertag und Totensonntag demonstriert, wie in Deutschland Demokratie funktioniert: Effizient, schnell, geräuschlos.

Am Montag verständigte sich auf Anraten der Bundeskanzlerin eine Handvoll von Unionsgranden in einer Telefonkonferenz darauf, wer nächster Bundespräsident wird und somit neuer Hausherr in Schloss Bellevue. Und knapp eine Woche später erklärt Angela Merkel auf der Vorstandsklausur ihrer Partei, dass sie erneut ins Kanzleramt einzuziehen beabsichtige. Nachdem die Union eingestehen musste, dass sie für das höchste Amt im Staate keinen geeigneten Kandidaten präsentieren kann, kam die Ankündigung Merkels freilich nicht unerwartet.

Wie dem auch sei. Auf jeden Fall ist klar geworden, was man in Deutschland unter einem schlanken effizienten Regierungsstil versteht: Gibst du mir Schloss Bellevue, gebe ich dir das Kanzleramt. Das ist Staatskunst. So lasse ich mir Demokratie gefallen.

Die Inthronisierungszeremonien für die beiden höchsten Ämter im Staate sind zwischenzeitlich angelaufen und werden am kommenden Sonntagabend (Totensonntag) einen ersten Höhepunkt erreichen. In einer mit Spannung erwarteten Live-Übertragung wird die Kanzlerin ihre erneute Kandidatur begründen. In Zeiten, in der die Rechtspopulisten immer frecher und dreister werden, müssten alle Demokraten zusammenrücken. Das sei einfach das Gebot der Stunde. Die Bundeskanzlerin habe sich den Schritt, hatten die Merkel Medien bereits vorweg verbreitet, reiflich überlegt. Doch die zuletzt eingetrübten Hoffnungen ihrer Parteifreunde und die hohen Erwartungen ihrer großen Fangemeinde, die ja weit über die Unionsgrenzen hinausreiche, habe sie einfach nicht enttäuschen wollen.

Die Deutschen sind nach Merkels Ankündigung zufrieden und erleichtert, wissen die öffentlich-rechtlichen Medien, die „Süddeutsche Zeitung“ und der „Spiegel“ in ihrer Vorberichterstattung zu berichten. Das ist kein Wunder. Knapp drei Monate vor der Bundesversammlung und zehn Monate vor der Bundestagswahl, wissen sie heute schon, wer sie in den nächsten Jahren repräsentieren und wer sie regieren wird. Wer sonst in Europa kann das von sich behaupten. Die Deutschen sind mal wieder fein raus. Und das ist doch enorm beruhigend.  

Das einzige, was aus deutscher Sicht noch für eine gewisse Unruhe sorgt, ist die Frage, wer denn den „Hassprediger“ aus Washington als erster zu Gesicht bekommt: der neue Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier oder die Ewige Kanzlerin, die „Schande Deutschlands“, wie das republikanische Raubein aus dem fernen Amerika Merkel so ungalant und undiplomatisch im Wahlkampf tituliert hatte. 

 

 

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Beruflich wegen des Status "Alleinerziehender" als Mann sehr ausgebremst. Daher als "IT-Allroundkraft" Tätigkeiten für mehrere Stadtbibliotheken, für ein Theater mit Darstellern mit Downsyndrom und anderem, Webadministrator und Content Manager, Social Media-Mensch etc. Der Sohn ist mittlerweile 20 und wird schon lange nicht mehr erzogen.

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